Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Lebenslänglich

Vor ziemlich genau zehn Jahren bewarb sich Familienbloggerin Sandra C. um einen Job. Alle, die diesen Job hatten, wurden nie müde zu beteuern, dass sie auf nichts im Leben so stolz seien wie auf ihn. Es gäbe nichts Erfüllenderes, Schöneres, Befriedigenderes. Er sei anstrengend, das stimme, aber der Lohn sei immens. Mit nichts zu vergleichen. Das pure Glück. 
Gefängnis Gitterstäbe Frau Knast Lebenslänglich
© Getty Images

Familien-Bloggerin Sandra C. ist in ihrer Funktion als Mutter unkündbar. In ihrem Vertrag steht «lebenslänglich».

Aus irgend einem Grund aber las ich das Jobprofil erst, als ich den Job bereits hatte. Und merkte je länger je mehr: Die Anforderungen sind schlicht und einfach nicht zu erfüllen. Von niemandem. Warum, um Himmels Willen, hatte mir das vorher nie jemand gesagt? Aus purer Bösartigkeit? Weil sie alle auch auf das Gerede der anderen reingefallen waren, und erst viel später gemerkt hatten, was es eigentlich heisst, «Mutter» zu sein? Hier ein ganz kleiner Auszug aus dem Anforderungsprofil - und ich betone, dass das noch lange nicht alles ist! Entscheidet selbst: welche Frau mit gesundem Menschenverstand würde einen solchen Job auch nur ansatzweise in Betracht ziehen? 

- Während der ersten Monate beträgt Ihre Anwesenheitspflicht 24 Stunden pro Tag. Sie dürfen schlafen, aber nur, wenn Ihr Vorgesetzter bzw. Ihre Vorgesetzte gerade auch schläft. Ansonsten haben Sie sich zu hundert Prozent nach seinen/ihren Wünschen zu richten. Er/sie wird diese selten direkt artikulieren. Finden Sie sie selbst heraus und finden Sie einen Weg, sie zu befriedigen.

- Zu Ihren Pflichten gehört es, für Ihren Vorgesetzten zu waschen, kochen, putzen, einzukaufen und ihn zu all seinen Terminen zu begleiten. Die Spesen übernehmen Sie selbstverständlich selber.

- Sie halten immer und zu jeder Zeit die Launen Ihrer Vorgesetzten aus. Wenn sie «Ich hasse Dich» sagt, werden Sie niemals erwidern «Ich hasse Dich auch». Und Sie begrenzen den Schaden, den sie anderswo anrichtet, indem Sie sich immer wieder für Ihre Vorgesetzte entschuldigen und andere zu besänftigen versuchen.

- Sie pflegen Ihren Vorgesetzten, wenn er krank ist. Und Sie sind auch für ihn da, wenn Sie krank sind. Freitage gibt es keine. Auch nicht gegen Vorweisen eines Arztzeugnisses.

- Wenn Sie unbedingt wollen, dürfen Sie auch für einen anderen Arbeitgeber arbeiten. Das ist sogar empfehlenswert, denn dort verdienen Sie tatsächlich Geld. Diesen Job erledigen Sie ohne finanziellen Ausgleich. Je nachdem werden Sie allerdings von diversen anderen Parteien schräg angeschaut bis offen angefeindet. Und wie Sie einen 100-Prozent-Job mit einem 20- bis 100-Prozent-Pensum eines anderen Jobs vereinbaren, bleibt Ihnen überlassen.

- Sie haben immer und jederzeit Vorbildfunktion. Sie haben es also zu unterlassen, in Anwesenheit Ihrer Vorgesetzten zu fluchen, Schokolade zu essen, Alkohol zu trinken oder über jemanden herzuziehen. Das gilt für Ihre Vorgesetzte natürlich nicht - mit Ausnahme des Alkoholkonsums. 

- Sie loben Ihren Vorgesetzten für jeden Scheiss, auch wenn sein gesamtes Dasein eine talentfreie Zone sein sollte. Sie hängen die hässlichsten seiner Zeichnungen auf und sehen sie jeden Tag an, und Sie ertragen sein Klavier- und Schlagzeuggejaule zu jeder Zeit mit stoischer Geduld und applaudieren dafür, auch wenn es halb sieben Uhr morgens ist. 

- Sie tragen Ihrer Vorgesetzten immer alles hinterher und sammeln regelmässig alles ein, was sie irgendwo liegen gelassen hat.

- Zu Ihren Aufgaben gehört es auch - je nach Situation und Wunsch - Ihren Vorgesetzten zu unterhalten, zu unterstützen, zu bestärken und zu trösten. 

- Wenn Sie Ihre Vorgesetzte kritisieren, tun Sie das mit dem nötigen Respekt und überlegen Sie es sich gut. Wenn Sie darauf einen Wutanfall bekommt, sind Sie selbst schuld. Umgekehrt dürfen Sie jederzeit grenzenlos kritisiert werden, wobei die Kritik weder fundiert noch gerechtfertigt sein muss, und auch Worte wie «wäh» und «grusig» fallen dürfen (in Zusammenhang mit Ihren Kochkünsten) oder «doof», «blöd» und «gemein» (im Zusammenhang mit Ihnen als Person). Sie selbst benutzen diese Worte selbstverständlich niemals. 

- Ihre Wochenend-Aktivitäten werden durch Ihren Vorgesetzten bestimmt. Wenn Sie lange, zähe Verhandlungen ertragen, dürfen Sie hin und wieder mitbestimmen. Sie halten sich dann vorzugsweise in überfüllten Indoor-Spielplätzen auf, in nach Urin stinkenden Planschbecken oder am Rand eines Fussballfeldes inmitten von Möchtegern-Trainern die ihrerseits ihre Vorgesetzten motivieren. Und Ihr Kino- und TV-Programm wird ausnahmslos von Walt Disney bestimmt.

- Wie bereits erwähnt gibt es keinen finanziellen Ausgleich für Ihre Arbeit. Im Gegenteil - sie legen dabei ziemlich drauf. Ihr Lohn: ein zahnloses Lächeln. Eine kurze Umarmung. Ein sehr, sehr seltenes «Ich hab dich lieb».

Und das Beste kommt noch. Wie in jedem Vertrag ist nämlich das Kleingedruckte das Fieseste. Und dort steht: unkündbar. Lebenslänglich. 

Nun ja, wenigstens gilt das für beide Seiten. Meine Kinder können mich terrorisieren, so viel sie wollen - sie bleiben meine Kinder. Und ich kann in dem Job total abfucken - ich bleibe ihre Mutter. Insofern gibt es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit. 

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