Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Happy Birthday!

Liebe werdende Mütter, wenn ihr euch die Geburt Eures ersten Kindes in rosarotesten Farben als den schönsten Tag eures Lebens ausmalt, mit Duftkerzen und entspannender Musik, voll von überwältigenden Emotionen, dann lest hier nicht weiter. Familienbloggerin Sandra C. beschreibt nämlich, wies wirklich ist.
Teaser Blog Sandra Geburtstag von ihrer Tochter
© SI online

Eigentlich sollte man nach der Geburt von Emotionen überwältigt sein. Doch als frischgebackene Mutter war Sandra C. nur fixfertig und todmüde. 

Wisst ihr noch, was ihr genau heute vor neun Jahren gemacht habt? Nicht? Ich schon. Ich habe ein Kind geboren. Das vergisst man irgendwie nicht. Keine Minute davon. Kein blutiges Detail. Mit der Zeit verklärt sich die Erinnerung allerdings. Sonst würde kaum je eine Frau ein zweites Kind zur Welt bringen wollen. Wenn man aber ganz ehrlich ist, weiss man auch nach neun Jahren noch: Ja, es war überwältigend. Anstrengend. Laut. Und verdammt schmerzhaft. So was wie Würde? Vergesst es. Die habt ihr spätestens in dem Moment verloren, in dem ihr mit dickem Bauch auf allen Vieren - dazu noch in diesem grauenhaften Spitalhemd - wie ein Hängebauchschwein über den Boden krabbelt. 

Aber fangen wir von vorne an. Also, die Dinger, mit denen es losgeht, heissen nicht umsonst Wehen. Sie heissen so, weil sie weh tun. Anfangs relativ gut auszuhalten, da wisst ihr aber vermutlich noch gar nicht, dass Ihr Wehen habt. Woher auch? Dazu kommt, dass es noch sogenannte Übungswehen gibt, die lediglich auf die Geburt vorbereiten - und Tage oder sogar Wochen davor auftreten können. Woher soll man also wissen, was «echte» Wehen sind? Google sei Dank findet ihr einen Trick heraus, um das rauszufinden: Im warmen Wasser verschwinden Übungswehen nach einigen Minuten, echte Wehen verstärken sich. Und irgendwo da setzt dann auch der gesunde Menschenverstand aus. Ich meine, welche normal denkende Frau mit zwanzig Kilo Übergewicht und Schmerzen im Unterleib hockt sich mitten in der Nacht in die Badewanne? Wenn sie zwei Minuten nachgedacht hätte, wäre sie nämlich drauf gekommen, dass sie da nie im Leben allein wieder rauskommt! Ihr liegt also wimmernd im immer kälter werdenden Wasser. Wenigstens habt ihr inzwischen rausgefunden, dass ihr keine Übungswehen habt. Zum Glück muss der werdende Vater irgendwann aufs Klo und findet euch heulend und aufgeweicht im Bad. Wenn ihr Glück habt, merkt er, dass es langsam an der Zeit wäre, mit euch ins Spital zu fahren. Und jetzt stellt euch ganz üble Magenkrämpfe oder etwas in der Art vor - jedenfalls etwas, das euch nicht mehr aufrecht gehen lässt. Und vergesst dabei nicht, dass ihr einen Riesenbauch habt.

Ihr steigt also gebückt ins Auto, versucht mit der Stirn auf den Knien und dem Bauch zwischen den Oberschenkeln diese Fahrt zu überstehen, und hievt euch irgendwie wieder aus dem Auto raus. Die Dame am Empfang lächelt freundlich - endlich jemand, der sich um euch kümmert. Fehlanzeige. Sie fragt zuerst nach eurer Versicherungskarte und knallt euch ein Formular zum Ausfüllen hin. Ist die noch bei Trost? Ihr wisst kaum mehr, wie ihr heisst. Wer soll in diesem Zustand ein Formular ausfüllen können? Nach einer gefühlten Ewigkeit wird ein Gebärsaal frei, und ihr hört die Frau in dem Zimmer daneben schreien. Toll! Ihr werdet nicht schreien, habt ihr euch vorgenommen. Auch nicht fluchen. Ob ihr etwas Schmerzlinderndes wollt, fragt die nette Hebamme. «Ja», ruft ihr. «Gebt mir was. Irgendwas. Wodka, Ritalin, Lachgas, ist mir völlig Wurscht, verflucht nochmal!» Oh, sagt die nette Hebamme bedauernd, leider sei es schon zu spät, um etwas gegen die Schmerzen zu nehmen, das würde die Geburt nur verzögern. Sie gibt euch jetzt nichts gegen die Schmerzen, sondern - im Gegenteil - etwas, um die Wehen zu verstärken. Damits schneller geht. Waaaas? Es soll nicht stärker werden, es soll nicht schneller gehen, es soll aufhören! Ob er irgendwie helfen könne, fragt der werdende Vater vorsichtig. «Scher dich zum Teufel!» Ob ihr in die Badewanne möchtet, fragt die nette Hebamme. Badewanne? Hatten wir das nicht schon mal heute? Ihr entscheidet euch trotzdem dafür. Gerade rechtzeitig zu den Presswehen. «Pressen», feuert euch die Hebamme an. Ihr habt keine Ahnung, was ihr machen sollt. Der Kindsvater offenbar schon, er hat einen ganz roten Kopf vom Mitpressen. Ja super, kann nicht er dieses Kind auf die Welt bringen? Dann könntet ihr jetzt nämlich nach Hause gehen und endlich mal schlafen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt die Ärztin. «Wir müssen schneiden», sagt sie. Hier erspare ich euch die Details. Nur so viel: Ihr werdet den Ton dieser Schere nie wieder vergessen. Und ihr habt noch nie in so viel Blut gelegen. Aber dann: Noch zwei Mal pressen und es ist schlagartig vorbei. Und im Wasser schwebt dieses kleine Wesen. Käsig, bläulich, blutverschmiert. Aber hellwach, mit offenen Augen und einem verwunderten Ausdruck auf dem Gesicht. Ihr nehmt es zum ersten Mal in den Arm - und solltet doch eigentlich heulen wie ein Schlosshund, von Emotionen überwältigt. Aber ihr seid nur fixfertig und todmüde. Und liegt immer noch blutend in dieser Badewanne mit immer kälter werdendem Wasser. Und wenn ihr glaubt, die Sauerei sei mit diesem Tag vorbei, habt ihr euch getäuscht. In den nächsten Tagen dürft ihr euch nämlich noch mit Milcheinschuss und vom Stillen wunden Brustwarzen rumplagen. Ganz zu schweigen von der Dammschnitt-Narbe. 

Ich bin froh, ist nicht genau heute vor neun Jahren. Dieser Tag war anstrengend, laut und verdammt schmerzhaft. Er war überwältigend. Seit diesem Tag vor neun Jahren weiss ich, dass wahre Liebe bedingungslos ist. Dass ich für dieses Persönchen, das da blutverschmiert im Wasser schwebte, jederzeit wieder allen Schmerz der Welt erleiden würde. Alles Gute zum Geburtstag, Prinzessin! 

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