Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Nicht gleich - aber gleich viel Wert!

Dieser Tage begegnet sie Familienbloggerin Sandra C. überall, die Unicef-Kampagne gegen Gewalt an Mädchen. Sie sieht sich mit der Frage ihrer Tochter konfrontiert, warum es eigentlich so viel schwieriger ist, ein Mädchen zu sein. Und fragt sich unwillkürlich selbst: Gibt es Situationen, in denen ich meine Kinder anders behandle aufgrund ihres Geschlechts?
Unicef Menschenkette in Zürich
© via Facebook

Am 10. Dezember bildete sich beim Zürcher Helmhaus eine Menschenkette, um ein Zeichen gegen Gewalt an Mädchen zu setzen.

Vergangenen Donnerstag, dem internationalen Tag der Menschenrechte, bildeten 800 Leute in Zürich eine Menschenkette, um gegen Gewalt an Mädchen zu protestieren. Unicef macht gerade mit einer Kampagne und dem Song «Echo» von neun Schweizer Sängerinnen darauf aufmerksam, dass in vielen Teilen der Welt Mädchen noch immer als minderwertig gelten, ihnen Grauenhaftes angetan wird oder sie gar sterben müssen, aufgrund ihres Geschlechts. Meine Tochter schaut sich die Bilder der Menschenkette an, fragt, warum es nötig ist, dass so viele Leute gegen etwas protestieren, das sie Gott sei Dank in ihrem Alltag nicht so wahrnimmt. Wie erkläre ich das einer Neunjährigen? Wie erkläre ich meiner Tochter, dass mancherorts Mädchen nicht einmal zur Welt kommen dürfen, weil für ihre Eltern ausschliesslich männliche Nachkommen zählen? Dass es Orte gibt, an denen unter Berufung auf Tradition und Religion weibliche Genitalien verstümmelt werden? Dass in einigen Teilen der Welt Mädchen nicht zur Schule dürfen oder Frauen nicht Auto fahren, weil sie keine Männer sind? 

Das scheint alles weit weg für uns. Ist es aber nicht. Als ich ein Kind war, hatten wir türkisch-stämmige Nachbarn, die Familie hatte sechs Kinder. Das Jüngste war endlich ein Bub. Der kleine Prinz hatte sein eigenes Zimmer, während sich die fünf Mädchen eines teilten. Ob die Mädels ihre Hausaufgaben machten, war Wurst, auch, ob sie später mal einen Job kriegen oder nicht. Ja, das ist schon eine Weile her, und seither hat sich einiges getan. Und trotzdem muss sich noch vieles ändern, bevor wir von echter Gleichberechtigung reden können. Auch bei uns. Wir leben zum Glück in einem Land, in dem Mädchen weder abgetrieben noch beschnitten werden, in dem sie zur Schule gehen, eine gute Ausbildung kriegen und Auto fahren dürfen. Aber wir leben auch in einem Land, in dem Frauen für den gleichen Job noch immer weniger verdienen als Männer. In dem Frauen noch immer schlechtere Karrierechancen haben als Männer. Und in einer Gesellschaft, in der Frauen immer noch schräg angeschaut werden, wenn sie zum Beispiel gerade in Sachen Karriere oder Körperbewusstsein gleich viel Selbstvertrauen zeigen wie Männer. 

«Warum», fragt meine Tochter, «ist es eigentlich so viel schwieriger ein Mädchen zu sein?» Ich frage, warum sie das denkt. Buben seien stärker, plagen Mädchen und kommen meist ungestraft davon, sagt sie. Sie sind frech und keiner sagt «so ein hübscher Bub und so frech». Sie grübeln in der Nase und kratzen sich dauernd zwischen den Beinen, ohne dass jemand etwas sagt. Und, sagt sie, ihr Bruder werde viel öfter von mir getröstet als sie. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Dass das in der Natur der Sache liegt, weil der Kleine einfach viel öfter heult als sie? Dass er unwiderstehlich ist, wenn er dreinschaut wie ein Kaninchen? Zum allerersten Mal stelle ich mir die Frage: Behandle ich meine Kinder eigentlich anders aufgrund ihres Geschlechts? Ich weiss es nicht - aber ausschliessen kann ich es nicht. Es stimmt, dass ich manchmal nachlässiger bin mit meinem Sohn als mit meiner Tochter. Ich dachte immer, das liegt daran, dass ich der Grossen einfach mehr zutraue als dem Jüngeren. Aber könnte es auch sein, dass ich das Gefühl habe, sie muss mehr leisten, um gleich weit zu kommen, weil sie ein Mädchen ist? Es stimmt, dass es mich mehr stresst, wenn sie sich mit Zuckerzeug vollstopft als wenn er es tut. Weil sie ein anderes Verhältnis zum Essen hat als er (er isst, wenn er Hunger hat. Sie isst, wenn sie etwas mag). Aber könnte es auch sein, dass ich - unbewusst - meine Tochter mehr übers Aussehen definiere als meinen Sohn, weil unsere Gesellschaft das immer noch tut? Es stimmt, dass es mich mehr stört, wenn meine Tochter flucht als wenn mein Sohn es tut. Weil ich denke, dass man ihm das später mal viel weniger zum Vorwurf macht als ihr? 

Mädchen und Jungen sind nicht gleich. Sie müssen auch nicht gleich behandelt werden. Aber sie müssen die gleichen Chancen bekommen im Leben. Und das ist immer noch nicht so. Unser Land wird zwar nicht von einer frauenfeindlichen Religion (oder einer solchen Auslegung dieser Religion) geprägt, trotzdem hat gerade die Kirche in Sachen Gleichberechtigung auch bei uns noch einiges aufzuholen. Und obwohl es inzwischen jede Menge Beispiele von Frauen gibt, die Unglaubliches leisten, frage ich mich täglich, was wir eigentlich für ein Frauenbild haben - immer dann nämlich, wenn ich auf der ersten Seite einer Tageszeitung ein halb nacktes Mädchen sehe, das sich für ein paar Franken so ablichten lässt, und auch noch stolz ist darauf. Und ja, ich bin zwar ein grosser Trash-TV-Fan, aber ganz ehrlich: Solange ein TV-Sender Frauen findet, die sich nicht zu schade sind, vor laufender Kamera um irgend einen Vollpfosten zu buhlen, müssen wir uns nicht wundern, wenn unsere Mädchen ein verquertes Selbstbild entwickeln. 

Um nachhaltig etwas zu ändern, sei es bei uns oder anderswo auf der Welt, müssen wir bei uns selbst anfangen. Und bei unseren Kindern. Was für ein Selbstbild wollen wir unseren Töchtern mitgeben? Was für ein Frauenbild unseren Söhnen? Es lohnt sich, diese Fragen zu stellen, wenn Buben und Mädchen irgendwann wirklich in jedem Bereich gleichwertig sein sollen - und ich sage es nochmal: Mädchen und Jungen sind nicht gleich. Aber gleich viel Wert! 

Helft Unicef im Kampf gegen Gewalt an Mädchen: Echo-der-maedchen.ch