Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

No risk, no fun? Nicht in jedem Fall…

Wenn man Kinder hat, werden alltägliche Situationen, in denen man vorher ohne gross nachzudenken Alltägliches erledigte, zum Risiko. Am Besten, man legt sich bereits im Voraus einen Plan zurecht, wie man mit diesen umgeht. Familienbloggerin Sandra C.s Aufstellung der wichtigsten Risiko-Situationen. Für Eltern, und solche, die es werden wollen.
Mutter Chaos Stress Kind
© Getty Images

Risiko-Situationen? Mit denen weiss Familienbloggerin Sandra C. mittlerweile - und nach zwei Kindern - umzugehen.

Risiko-Situation Nummer 1: Einkaufen
Noch schnell einen Liter Milch, ein Brot und ein paar Eier besorgen? Vergesst es! «Schnell» geht gar nichts mehr, wenn man Kinder hat. Das fängt schon bei diesen unsäglichen Drehtüren an (wer hat den Scheiss überhaupt erfunden?). Erst wartest du ewig draussen in der Kälte, um einen Slot für dich und deinen Kinderwagen zu finden. Sobald du drin bist, stoppt das Ding, weil der Buggy ungewollt vorn an der Tür ankommt. Wenn die Kids grösser sind und du mit jeder Hand eins am Ärmel packst und mit dir in dieses Roundabout ziehst, bleibt garantiert eins mit dem Fuss in der Drehtür stecken, du schleifst es weiter, setzt es drinnen heulend auf den Boden und wartest auf eine günstige Gelegenheit, um den verlorenen Schuh zu holen. Im Laden ereignet sich mit Garantie eines der folgenden Dinge: Das Baby im Kinderwagen schreit oder kotzt sich die Seele aus dem Leib - und äusserst besorgte ältere Damen starren dich hasserfüllt an und sagen mit vor Mitleid triefender Stimme: «Es hat auf jeden Fall heiss/kalt/Hunger/Durst/Schmerzen/wasauchimmer!». Das Kleinkind im Einkaufswagen steht auf - wenn du Glück hast, fängst du es mit der einen Hand auf, wenn es fällt (in der anderen hältst du gerade ein Sauerteig-Vollkornbrot und versuchst, das Ablaufdatum zu entziffern). Wenn du Pech hast, knallt das Kleinkind voll auf den Boden, schreit den gesamten Laden zusammen und du findest dich in einer Runde hasserfüllt blickender älterer Damen wieder; das Kind kommt mit einer aufgerissenen Lego-Packung angelaufen und schmeisst es in den Einkaufswagen, du stellst die Packung ganz hinten wieder ins Regal, das Kind kriegt einen Tobsuchtsanfall und wirft sich in der Spielzeugabteilung auf den Boden - du siehst dich suchend um, schüttelst den Kopf und fragst halblaut, wo wohl seine Mutter steckt; das Kind antwortet auf die obligate Frage des supernetten Metzgerei-Angestellten («Wotsch no es Würstli?») mit: «Bisch blöd, Mann, bi doch keis Baby meh!» Ist mir aber erst einmal passiert. Ehrlich.

Risiko-Situation Nummer 2: Restaurantbesuche
Was früher ein entspanntes Mittag- oder Abendessen war, kann mit Kindern zur wahren Nerven-Probe werden. Nicht nur für dich, sondern auch für das Servierpersonal. Kaum am Tisch rennen beide Kids nach draussen oder müssen aufs Klo. Du bestellst zwei Mal Pasta mit Tomatensauce, weil sie eh immer das gleiche essen beim Italiener. Sie kommen zurück: «Was hast du bestellt?» - «Pasta mit Tomatensauce.» - «Aber ich wollte Pizza Margherita!» Du winkst also so unauffällig wie möglich der Bedienung, um die Bestellung zu ändern - das machst du noch drei Mal, denn am Ende wollen sie doch wieder die Pasta. Die sie dann eh nicht essen, weil die eine in einer übergrossen Euphorie eine gute Tonne Reibkäse drüberstreut, bevor ihr einfällt, dass sie gar keinen Käse mag, und der andere sein Rivella umstösst und das gesamte Gesabber in seinem Teller landet. Sie essen dann je die Hälfte deiner Pizza und du stocherst wahlweise in einem Teller Parmesan mit zwei, drei Teigwaren oder aufgeweichten Penne mit Rivella-Tomaten-Sauce. Ob es recht war, fragt die nette Bedienung mild lächelnd, und fischt die Pfeffermühle aus der Pasta-Rivella-Pampe. Du nickst angestrengt lächelnd, während Junior sagt: «Ich wollte eigentlich gar keine Pizza, weil die tiefgekühlte aus der Migros ist sowieso viel besser!» 

Risiko-Situation Nummer 3: Wartezimmer
Mit Kindern warten zu müssen, ist an für sich schon ein Horror. Noch schlimmer: Mit kranken Kindern warten müssen. Sie sind nämlich selten so krank, dass sie sich in Wartezimmern nicht langweilen. Regel Nummer 1: Haltet  euren Nachwuchs von Wasserspendern fern. («EINEN Becher, hab ich gesagt. Jaaaaa, blau ist kalt, rot ist lauwarm. Doch, du MUSST einen Becher drunter stellen. Jetzt schau dir mal die Sauerei an!») Ganz schlimm auch, wenn die Diskussionen anfangen: «Was muss ich überhaupt machen hier?» - «Impfen.» - «Was ist das?» - «Äääähm - vorsorgen, damit du nicht krank wirst.» - «Krieg ich eine Spritze?» - «Ääääähm … » - «Krieg! Ich! Eine! Spritze!?» - «Äääääähm…»- «Ich will keine Spriiiiiiiiiiiiitze!!!!!!» Es gibt aber auch die Situation, in der sie friedlich gespielt haben, du im «Wir Eltern» geblättert hast - und bei der Besprechung am Nachmittag eine Broschüre über sexuell übertragbare Krankheiten aus deiner Tasche ziehst. (Und beim Abendessen dem Kind die Frage zu beantworten versuchst, was eigentlich «sexuell übertragbar» heisst.) 

Risiko-Situation Nummer 4: Homeoffice
Die Vorstellung ist verlockend: Man arbeitet von zu Hause aus, während der Nachwuchs schläft, friedlich spielt oder Hausaufgaben macht. Das funktioniert oft auch ziemlich gut - wenn man die Korrespondenz per E-Mail erledigen kann. Von wichtigen Telefonaten ist dringend abzuraten, wenn die Kinder in der Nähe sind. Das könnte dann ungefähr so klingen: «Ah, schön dass sie zurückrufen.» - Hand übers Handy - «Nicht jetzt, ich komme gleich…» - «Ja, das habe ich gehört …» - Hand übers Handy - «Nein, ich kann dir jetzt nicht helfen mit den Lego. Nachher, ich bin am Telefon!» - «Das tut mir sehr Leid, aber meinen Sie nicht… - gehts auch ein bisschen leiser? - Nein, nicht Sie, Entschuldigung - Also, es tut mir wirklich Leid, dass… Jetzt gopf nochmal, seid doch mal ruhig! - …dass Ihnen der Artikel nicht gefallen hat. Was fanden Sie denn so schlimm? - Es ist mir egal, wer angefangen hat! - Bitte? Oh nein, nicht Sie, entschuldigen Sie… - Jetzt lass sie in Ruhe! - Oh, tut mir Leid, ich wollte…, ich meine… , ich meinte nicht Sie… - Dann schlagt euch halt die Köpfe ein, mir doch egal! - Oh? Ihnen auch? Ja, dann ist ja alles klar…»

Risiko-Situation Nummer 5: Elternabende
Ein Spezialfall, da diese meist ohne Kinder stattfinden. Aber da man ohne Nachwuchs gar nicht erst in die Situation kommen würde, gehören die Elternabende trotzdem zu den Risiko-Situationen mit Kids. Zuerst einmal: Macht euch drauf gefasst, dass euch tagelang der Arsch weh tut, denn irgendwie meinen die Lehrer, ihr findet das ungemein rührend auf den Mini-Stühlen eurer Kinder zu sitzen, während sie euch erzählen, wie pädagogisch wertvoll sie ihren Unterricht gestalten. Gut ist, dass ihr bei der Gelegenheit den Platz eures Kindes etwas aufräumen könnt, zum Beispiel den Kaugummi unter der Tischplatte wegschaben. Dabei müsst ihr drauf achten, interessiert dreinzuschauen, nicht laut zu gähnen (vor allem wenn es sich um einen Elternabend von Kind Nummer 2 handelt) und nicht mit den Augen zu rollen, wenn die gleiche Person (ja, sie ist fast immer weiblich...) die gleiche Frage zum fünften Mal wiederholt, einfach mit anderen Worten. Beruhigend: «Wir basteln am Elternabend etwas unglaublich Kreatives für unsere Kinder» gibt es nur im Kindergarten - bei zwei Kindern macht das vier Mal im Kanton Zürich. Wer mehr Kinder hat, ist selbst schuld! Ah ja, und wer sich unter «anschliessendem Apéro» etwas anderes als Mineralwasser und Salzstängeli vorgestellt hat, wird wohl enttäuscht. Ausser es handelt sich um einen Elternabend des Religionsunterrichts der katholischen Kirche. Die sind echt cool. Aber auch da solltet ihr euch eines merken: Lasst euch nicht auf Trinkspiele mit der russischen Mutter einer Freundin eurer Tochter ein! Nie! 

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