Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Ich bin das Hirn meiner Kinder

Familienbloggerin Sandra C. macht regelmässig eine Tour durchs Dorf und sammelt alles ein, was ihre Kinder so liegengelassen haben. Und sie fragt sich genauso regelmässig: «Warum mache ich das eigentlich?»
Junge mit Gehirn in Hand
© Getty Images

Die Kinder von Familien-Bloggerin Sandra C. merken sich immer nur das, was sie wollen. Für alles andere ist ihre Mutter zuständig. 

Letztens, als ich die Kinder vom Hort abholte (Staatskinder…) kam mir mein Sohn mit nur einem Schuh am Fuss entgegen. Die gute Nachricht: Er wusste, dass er nur einen Schuh trug. Die schlechte: Es war ihm völlig egal. Ich unterdrückte den Impuls, den zweiten Schuh zu suchen, und sagte ihm, er solle das doch bitte selber tun. Während er also wieder reinging, um Lego zu spielen, durchsuchte ich die Box mit den Fundsachen, und fand dort seine Znünibox, seinen Leuchtbändel und ein Cape, das er seit zwei Wochen vermisste. Und danach suchte ich eine Viertelstunde lang diesen Schuh. Und fragte mich mal wieder: «Warum tu ich das?»

Warum denken wir Mütter eigentlich immer für unsere Kinder? Warum packe ich meiner Tochter abends das Etui, das auf ihrem Schreibtisch liegt, stillschweigend in die Schultasche? Warum stelle ich ihr morgens die Turntasche direkt vor die Haustür - nur damit sie drübersteigt und ich sie ihr dann hinterhertrage? Warum mache ich alle paar Wochen eine Tour und sammle alles zusammen, was die Beiden so liegenlassen: Jacken in der Schule, Tennisschläger im Tennisclub, kurze Hosen im Fussballtraining? Was, wenn sie dann halt mal ohne Etui und Jacke in die Schule müssen? Ohne Turnsachen in den Turnunterricht? Ohne Schläger ins Tennis, ohne kurze Hosen ins Fussballtraining? Dann wird ziemlich schnell über mich geschnödet: «Sie hat nie das Etui und die Turnsachen dabei. Und letzthin kam sie sogar ohne Schläger zur Tennisstunde. Kann denn diese Mutter nicht chli luege?» Denn - und da muss man sich nichts vormachen - Kinder packen ihr Etui nicht ein, auch wenn man es zehn Mal auf ihrem Schreibtisch liegen lassen hat. Und Jacken, Hosen und Tennisschläger werden mit Sicherheit irgendwann geklaut, wenn man sie nicht sucht.

Fakt ist: Ich bin das Hirn meiner Kinder - für alles, was ihnen nicht genug wichtig ist, um selbst dran zu denken. Denn lustigerweise gibt es Sachen, die vergessen sie nie. Dass ich Spaghetti statt Gemüsesuppe zum Abendessen versprochen habe, beispielweise. Oder dass ich gesagt habe, wir gehen schon mal wieder zu McDonald’s - und «schon mal wieder» ist für sie immer heute. Oder dass ich am Mittwoch in der Migros war - und vergessen habe, nach dem Minimania-Joker zu fragen.

Nun, wenigstens können meine Kinder etwas, was viele Erwachsene verlernt haben: Prioritäten setzen. Und darauf pfeifen, ob die in meinen Augen nun richtig sind oder nicht. Ich hoffe, das können sie auch noch, wenn sie gross sind. Auch wenn wir diesen zweiten Schuh nie wieder gefunden haben. 

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