Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Wenn die Gefahr plötzlich ganz nah ist

Sexueller Missbrauch am eigenen Kind - an so etwas will man als Mutter oder Vater nicht einmal denken! Auch wenn man sich bewusst ist, dass es täglich Übergriffe auf Kinder gibt. Für Sandra C. waren diese bisher immer Storys aus den Medien. Bis zu dem Tag, als die Gefahr für die Familienbloggerin plötzlich real wurde.
Der ganz normale Wahnsinn Sandra Casalini Familienblog
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Ich bin keine Person, die denkt, dass die Dinge immer nur den anderen passieren. Ich weiss, dass sie das nicht tun. Ich weiss, dass auch mir oder meiner Familie jederzeit ein Unfall passieren oder eine Krankheit oder ein sonstiger Schicksalsschlag widerfahren kann.

Trotzdem muss ich erst einmal tief Luft holen, als das Informationsschreiben der Polizei in unser Haus flattert. Ein Sport-Trainer eines meiner Kinder sitzt in Untersuchungshaft wegen Verdachts auf sexuelle Übergriffe auf Kinder. Es wird darum gebeten, sich bei den Kindern altersgerecht und behutsam zu erkundigen, ob jemals etwas in der Art geschehen sei, und sich bei einem Verdacht zu melden.

Was, wenn er mein Kind angefasst hat?

Meine Gedanken beginnen zu drehen. Der Mann war immer freundlich, ruhig und respektvoll. Mir ist schon klar, dass man «es» den Leuten nicht immer ansieht. Aber hätte mir nicht trotzdem etwas auffallen müssen? Hab ich mein Kind tatsächlich regelmässig allein jemandem überlassen, der es ausgenutzt hat?

Es hat ein paar Mal gesagt, dass es nicht ins Training möchte. Ich habe das immer daran festgemacht, dass es gerade mit irgend einem seiner Freundinnen oder Freunde am Gamen war und einfach keinen Bock hatte, mit dem Spiel aufzuhören. Ich habe ihm jeweils gesagt, es habe fünf Minuten, um sich zu verabschieden und umzuziehen. Aber es hätte mir doch gesagt, wenn es einen anderen Grund gehabt hätte, als einfach keine Lust. Oder nicht? Mir wird schlecht! Wenn er mein Kind angefasst hat, bring ich ihn eigenhändig um! Und was würde das für uns bedeuten, für mein Kind, für mich? Ich will gar nicht daran denken.

Schwieriges Gespräch

Da sich mein Kind vor kurzem am Handgelenk verletzt hat und erst gerade die Schiene, die es tragen musste, ablegen durfte, war es in den vergangenen zwei Wochen in keinem Training. Ich frage mein Kind, ob es am Montag wieder in das eine Training möchte. Ja, das will es. Und ins andere Training am Mittwoch? «Lieber nicht. -» Mir stockt der Atem. «Warum nicht?» - «Weil ich ja vielleicht wieder auf den Arm oder die Hand falle.»

«Ist denn das schon mal passiert?» - «Ja.» - «Und was hat dein Trainer gesagt?» - «Ich soll kaltes Wasser drauftun.» - «Er hat es nicht selbst angeschaut?» - «Nein.» - «Hat er sonst einmal irgend etwas an dir angesehen oder angefasst? Oder dir gesagt, du sollst etwas ausziehen?» - «Nein.» - «Du weisst, dass dich nie jemand anfassen darf, wenn du das nicht willst. Auch nicht jemand, den du kennst.» - «Ja. Hat er nicht.» - «Und du weisst, dass du es sagen kannst, wenn du dich irgendwann irgendwie unwohl gefühlt hast - auch wenn man dir gesagt hat, du darfst es niemandem sagen.» - «Jahaaaaa. Warum fragst du das?»

Sein Ruf ist kaputt

Die Sache wird morgen eh Talk of the Town sein und das Kind wird es spätestens in der Schule mitkriegen, also sage ich es ihm. «Echt?», fragt mein Kind ungläubig. Ja. Aber: «Vielleicht stimmt das auch nicht. Bis jetzt ist das nur ein Verdacht.» - «Und wenn es stimmt?» - «Dann versucht man, herauszufinden, was passiert ist und er muss vielleicht ins Gefängnis.» - «Und wenn es nicht stimmt?» Ja, was dann?

Hier wird der Mann niemals wieder trainieren können, sein Ruf ist kaputt. Andererseits munkelt man bereits, dass so etwas schon einmal woanders vorgekommen sei - und dann man schickt sein Kind ins Training und hat keine Ahnung davon! Trotzdem: Bewiesen ist gar nichts.

Und falls die Vorwürfe tatsächlich aus der Luft gegriffen sind, tut mir der Mann echt Leid! Für mich ist vorerst aber nur die Tatsache wichtig, dass mein Kind offenbar nicht betroffen ist. Auch wenn mir das Ganze einen gehörigen Schrecken eingejagt hat - und mich wieder einmal dran erinnert, dass einem jederzeit alles passieren kann. 

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