Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Lernen fürs Leben?

Wir alle kennen diesen Spruch: «Du lernst fürs Leben, nicht für die Schule.» Angesichts der Tatsache, dass Sandra C. immer öfter ziemlich dumm dasteht, wenn ihre Kinder sie um Hilfe bei den Hausaufgaben bitten, fragt sich die Familienbloggerin allerdings schon manchmal, wieviel von dem, was sie damals gelernt hat, tatsächlich fürs Leben war.
Familienblog_Lernen fürs Leben
© getty

Sandra C. sieht nicht ein, warum man wissen muss, was «Rauchschwalbe» auf Englisch heisst, bevor man gelernt hat, ein Zugticket zu kaufen.

 

Diese Woche ist es nur zwei Mal passiert, dass ich keinen Plan von dem habe, was ich da vor mir sehe. Das ist unter dem Durchschnitt. Geometrie, 5. Klasse. Klar kommen mir diese Kreise und Linien da irgendwie bekannt vor. Ich versuche verzweifelt, mich zu erinnern. «Also, wenn du da eine Linie durchziehst...» Schlussendlich greife ich zum ultimativsten Hausaufgaben-Tipp überhaupt: «Frag deinen Vater.»

Dann Biologie, 1. Oberstufe. «Nach der Zellteilung kommt es zu einer Durchschnürung des Zellplasmas», lese ich da. «Hast du eine Ahnung, was das heisst?», frage ich meine Tochter. «Nö, drum frag ich ja dich!» – «Äh, ja, und wen fragst du, wenn ichs nicht weiss?» Sie rollt die Augen. «Google!» Kluges Kind.

Fremdsprachen sind reines Büffeln

Etwas anders verhält es sich mit den Fremdsprachen. Da hab ich – im Gegensatz zu Geometrie und Bio - auch immer eine Antwort parat, wenn sie fragen, warum sie das überhaupt lernen müssen. «Weil es einfach immer ein Vorteil ist, möglichst viele Leute zu verstehen und mit ihnen in ihrer Sprache reden zu können.» Gut, ich sehe auch nicht wirklich ein, warum man nun wissen muss, was «Rauchschwalbe» auf Englisch heisst, bevor man gelernt hat, ein Zugticket zu kaufen.

A propos: Das kann meine Tochter auch auf Deutsch immer noch nur mit Mühe und Not - dafür kennt sie die Grundlagen der Zellteilung. Dies nur am Rande.

Hätte er nicht besser zuerst richtig Deutsch gelernt, bevor er halbherzig noch Englisch und Französisch in sich reinstopft?

Ich erinnere mich aber gut und gern an den Winter vor zwei Jahren, als meine Tochter in der Snowboard-Schule in eine Klasse mit ausschliesslich englischsprechenden Mädchen eingeteilt wurde – und danach ganz erstaunt erzählte, sie habe sich tatsächlich mit denen unterhalten können.

Wie der Sohn - so die Mutter

Das Problem bei den Sprachen ist halt, dass vieles keine Verständnisfrage ist, wie in anderen Fächern, sondern reines Büffeln. Und da gibt’s in meinem Haushalt zumindest einen, der schlicht zu faul ist dafür. Oder zu unorganisiert. Jedenfalls kann er mir regelmässig nicht wirklich erklären, warum er der einzige in der Klasse ist, der das falsche Vokabular gelernt hat. (Was zugegebenermassen nicht von Ungefähr kommen dürfte. Seine Mutter kann sich selbst auch nicht erklären, warum sie die einzige ist, die eine halbe Stunde zu spät zum Elterngespräch erschienen ist...)

Zumindest ist er recht kreativ in den Antworten, wenn man denn danach fragt, warum die Note mal wieder eher fragwürdig ist. «Woher soll ich denn wissen, wie das auf Englisch heisst? Ich bin ja kein Engländer!»

Die Lehrperson ist entscheidend

Ich war immer ein Verfechterin von Frühenglisch und –französisch. Zumindest lernen sie da etwas, was sie wirklich fürs Leben brauchen können. Heute sehe ich das etwas differenzierter. Wenn ich mir die Aufsätze meines Sohnes ansehe – oder aber die Bewerbungsschreiben von Jugendlichen, die mit der Schule fertig sind – frage ich mich, ob er nicht besser zuerst richtig Deutsch gelernt hätte, bevor er halbherzig noch Englisch und Französisch in sich reinstopft.

Meine Tochter hat momentan zum ersten Mal seit der Unterstufe wieder grossartige Mathe-Noten.

Auf der anderen Seite kann ich nur wiederholen, was ich auch hier immer wieder mal geschrieben habe: Ob das Kind ein Fach mag, den Sachverhalt versteht und gern dafür lernt, hängt zu einem sehr grossen Teil von der Lehrperson ab. So hat meine Tochter momentan zum ersten Mal seit der Unterstufe wieder grossartige Mathe-Noten – weil sie einen Lehrer hat, der ihr das so erklären kann, dass sie es versteht.

Und mein Sohn hat viel weniger Mühe mit Französisch als ich befürchtet habe. Offenbar macht sein Lehrer das ganz gut – während die erste Französisch-Lehrerin meiner Tochter die Lust auf die Sprache damals einem grossen Teil der Klasse schon am Anfang nahm.

Auf jeden Fall finde ich, meine Kinder müssen für ihr Alter schon recht viel büffeln – und vieles davon werden sie wieder vergessen. Wieviel von dem, was sie in der Schule gelernt haben, wirklich fürs Leben ist, wird sich vielleicht erst zeigen, wenn sie selbst mal bei den Hausaufgaben helfen müssen.