Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Schule - quo vadis?

Bald geht die Schule wieder los, und nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern machen sich viele Gedanken darüber. Für die Kinder von Sandra C. wird sich nach den Sommerferien einiges ändern: Die beiden wurden in altersdurchmischte Klassen eingeteilt. Die Familienbloggerin ist unsicher, ob diese Art des Lernens für ihren Nachwuchs funktioniert, ist aber grundsätzlich der Meinung: Es kommt vor allem auf die Lehrpersonen an. Diesen ist wohl manchmal gar nicht bewusst, wie viel von ihnen abhängt.
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Langeweile in der Schule? Sandra C. ist überzeugt, dass die Qualität des Unterrichts wichtiger ist als die Art und Weise, wie unterrichtet wird. 

Beim Einkaufen sticht mir die Schlagzeile des «Beobachters» ins Auge: «Schule ohne Noten - kann das gutgehen?» Der Lehrplan 21, der die Schule in den Deutschschweizer Kantonen harmonisieren und in den eingeführt werden soll, schreibt keine Bewertung in Zahlen vor. Sprich: Noten sind weiterhin möglich, aber nicht zwingend. Wie aber sollen Schüler dann beurteilt werden? Und macht es überhaupt einen Unterschied, ob da nun eine Drei oder ein «Ungenügend» steht?

Die Noten-Diskussion ist für mich ein kleines Sinnbild dafür, wie orientierungslos man derzeit in Sachen Schule ist in unserem Land. So zielt der umstrittene Lehrplan 21 - heiss diskutiert und in vielen Kantonen bekämpft - mehr auf die Kompetenzen der Schüler als nur noch explizit auf ihr Wissen. Was ja grundsätzlich nicht schlecht ist. Das Problem ist nur, dass viele Kinder damit überfordert sind. Und das grössere Problem ist, dass viele Lehrpersonen damit überfordert sind. Und somit auch nicht viel dazu beitragen können, dass die überforderten Kinder sich besser zurecht finden.

Und bevor der Lehrplan 21 überhaupt eingeführt ist, wird allerorts fleissig gepröbelt und geschraubt auf der Suche nach der besten Art von Unterricht für unsere Kinder. Auch das ist nicht grundsätzlich schlecht. Ich habe keine der Petitionen gegen die Einführung des Altersdurchmischten Lernens unterschrieben, die an der Schule meiner Kinder im Umlauf waren. Aus dem Grund, dass ich schlicht und einfach nicht glaube, dass die Art, wie die Kinder unterrichtet werden der zentrale Punkt ist bezüglich ihrer Lernerfolge - auch wenn ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass es für eine Lehrperson irgendwie einfacher sein soll, drei Klassen parallel zu unterrichten, wenn sie schon mit einer Stufe nicht klarkommt. 

Ich bin mir nämlich aus eigener Erfahrung ziemlich sicher: Lernerfolge hängen zu einem ganz grossen Teil von Lehrern und Lehrerinnen ab. Ich war eine Riesenniete in Chemie. Wenn man sich das aber recht überlegt, gibt es ja eigentlich keinen Grund, Chemie nicht zu kapieren - wenn man es denn einigermassen anständig erklärt bekommt. Ich war immer ziemlich schlecht in Mathe. Bis ich mal zwei Jahre lang einen Lehrer hatte, der mir das tatsächlich einigermassen schmackhaft machen konnte. Die Konsequenz: Es gab wirklich mal zwei kurze Jahre in meinem Leben, in denen ich eine anständige Mathe-Note hatte (abgesehen von der 1. Klasse, da kriegte ich das noch einigermassen auf die Reihe). Umgekehrt schaffte es auch mal eine Deutsch-Lehrerin, mir mein Parade-Fach dermassen zu vermiesen, dass ich eine ungenügende Note hatte.

Dafür spricht auch eine in oben erwähntem «Beobachter»-Artikel zitierte Erkenntnis des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie. Nach Auswertung von 50’000 Studien kommt er zum Schluss, dass die Fähigkeiten der Lehrpersonen das Wichtigste für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler sind (wow - der hätte sich viel Arbeit erspart, wenn er einfach mich gefragt hätte…). Die Unterschiede zwischen traditionellem Frontalunterricht und anderen Formen des Lernens sind gemäss Hattie minim. Nicht die Form des Unterrichts spielt eine zentrale Rolle, sondern die Qualität.

Bleibt die Frage, was denn einen guten Lehrer oder eine gute Lehrerin ausmacht. So schwierig diese Frage zu beantworten ist, so einfach ist es. Ich als Mutter erwarte von einer Lehrperson vor allem eines: echtes Interesse an meinem Kind. Ich erwarte, dass mein Kind nicht gleich als Saugoof abgestempelt wird, wenn es mal reinschwatzt, und als Anti-Talent, wenn es eine Prüfung verhaut. Ich erwarte, dass die Lehrpersonen, die es nach den Sommerferien mit meinem Sohn zu tun bekommen, echt interessiert sind daran, sein Leseverständnis zu verbessern - weil sie möchten, dass er richtig lesen kann, und nicht, weil im Lehrplan steht, dass auch der Saugoof, der immer reinschwatzt, irgendwann lesen können muss. Ich erwarte, dass die Lehrpersonen, die nach den Sommerferien die Klasse meiner Tochter unterrichtet, ein echtes Interesse daran haben, dass diese Kinder nicht mehr mit dem puren Anschiss im Gesicht in die Französisch-Stunde latschen, sondern sich freuen, wenn sie sich ein bisschen in dieser Sprache unterhalten können. So einfach das klingt, ist es viel verlangt, ich weiss. Denn ich habe das Gefühl, viele Lehrpersonen wissen gar nicht, wie wichtig sie für die Kinder sind. Sie können ihnen nämlich ein Fach richtig schmackhaft machen - oder für immer verderben. Das ist eine riesige Last auf ihren Schultern. Aber bitte, liebe Lehrerinnen und Lehrer, seid euch bewusst, wie unglaublich wichtig ihr für die Zukunft eurer Schülerinnen und Schüler seid. Nicht nur, wenn ihr Noten verteilt. Ihr seid nämlich die einzigen, die ihnen etwas sehr Wichtiges vermitteln können: Freude am Lernen. Und darum geht es doch in der Schule, egal, in welcher Art und Weise unterrichtet wird.

Im Dossier: Alle Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.