Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

«Handshake-Gate»: Kein Verbrechen, aber ein Armutszeugnis

Ein muslimisches Brüderpaar, 14 und 16 Jahre alt, verweigert einer Lehrerin aus religiösen Gründen den Handschlag. Die Diskussionen darüber ufern aus. Die einen wittern die Unterwanderung unserer Schulen durch Salafisten. Die anderen plädieren für Toleranz. Familienbloggerin Sandra C. fragte ihre Kinder um deren Meinung. Und die haben zu ihrem Erstaunen ganz unterschiedliche Meinungen.
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© iStockphoto/Getty Images

Die Kinder von Sandra C. haben beide Freunde aus anderen Kulturkreisen.

Beide meine Kinder haben haben muslimische Klassenkameraden und Freunde. Sie verkehren bei uns zu Hause, genauso wie meine Kinder bei ihnen. All diese Kinder besuchen den Schwimmunterricht und haben vergangenes Jahr beim (freiwilligen) Weihnachtssingen mitgemacht, auch wenn sie zu Hause nicht Weihnachten feiern. Ich habe sowohl den muslimischen Freunden meines Sohnes als auch deren Vätern schon Dutzende Male die Hand geschüttelt. Ich gehe davon aus, dass die meisten von uns ähnliche Erfahrungen machen, und der «Handshake-Gate» von Therwil ein absoluter Ausnahmefall ist.

Dass er solche Diskussionen auslöst, zeigt, wie gross die Angst vor radikalen Islamisten ist. Sind wir tatsächlich schon soweit, dass die Null-Toleranz-Regel gelten muss? Oder sind wir zu intoleranten Angsthasen geworden, die vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen? Mir persönlich ist jeder, der sich in erster Linie über seine Religion definiert suspekt - ganz egal, welche das ist. Trotzdem gehen meine Kinder in den freiwilligen Religionsunterricht, weil ich möchte, dass sie die Grundsätze des Christentums kennen. Sie sind der Ursprung unserer Kultur, unsere gesellschaftlichen Regeln und unser Umgang miteinander basieren auf ihm. Und genau da liegt der Hund begraben. Was ist wichtiger für diese Kinder? Ihr Elternhaus, ihre Wurzeln, dass sie ihre Traditionen und Gepflogenheiten weiterführen dürfen, im Wissen, dass sie so akzeptiert werden, wie sie sind? Oder dass sie sich dem Land und der Kultur anpassen, das sich ihre Eltern ausgesucht haben, vermutlich nicht zuletzt, um ihnen bessere Chancen im Leben zu ermöglichen?

Ich frage meine Kinder nach ihrer Meinung:

«Wenn einer eurer Freunde sich weigern würde, eurer Lehrerin die Hand zu geben, weil das ein Gesetz in seiner Religion ist, fändet ihr das okay?»
«Was für ein doofes Gesetz», sagt meine Tochter.
«Und wenn ich dir sagen würde, du darfst keine Männer und keine Buben berühren, ausser Papa und deinen Bruder. Und dein Lehrer will dir die Hand geben. Was machst du?»
«Ich sage ihm, dass ich das nicht darf, weil es bei mir zu Hause diese Regel gibt. Und dass es mir Leid tut, und ich das eigentlich auch doof finde.»
«Wenn eine Familie in ein anderes Land mit anderen Regeln als ihren eigenen zieht, und dann in der Schule auch andere Regeln gelten als bei ihnen zu Hause - findet ihr, die Kinder müssen sich an die Regeln der Schule halten oder nicht?»
„Sie müssen sich anpassen», sagt mein Sohn erstaunlich schnell und erstaunlich klar. «Wenn sie hierher kommen, müssen sie so leben wie wir. Sonst sollen sie woanders hin, wo sie anders leben können.»
«Und was findest du?», frage ich meine Tochter.
«Ich finde, dass jeder so leben darf, wie er will. Natürlich wenn man sich an die wichtigsten Gesetze hält. Man darf niemanden umbringen oder so.»

Ich finde es doch einigermassen erstaunlich, dass die beiden so verschiedene Ansichten haben, schliesslich sind sie genau gleich aufgewachsen, bekamen die selben Werte vermittelt und haben auch die gleichen Erfahrungen mit Freunden und Schulkollegen, die aus einem anderen Kulturkreis stammen als sie selbst. Es freut mich aber auch, denn es zeigt mir, dass sie beide imstande sind, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

Dass die Buben aus Therwil von den religiösen und kulturellen Ansichten ihres Elternhauses geprägt sind, ist normal. Ich finde Freiheit und Toleranz auch wichtige Güter - jeder sollte seine Religion und seine Kultur leben dürfen, da gehe ich mit meiner Tochter einig. Aber ich finde eben Respekt und Anstand fast noch wichtiger. Und wer die Kultur seines Gastgebers nicht respektiert, darf von ihm auch keine Toleranz erwarten. Da gehe ich mit meinem Sohn einig.

«Sind wir radikal, weil wir die Gebote des Islam befolgen?», fragt einer der Jungs im Interview mit der «Sonntagszeitung». Nein, sind sie nicht. Aber in diesem Fall ignorant, undankbar, respektlos und absolut frei von gesundem Menschenverstand. Das ist kein Verbrechen. Aber ein Armutszeugnis.

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