Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Noch 170 Jahre Sexismus!

Vergangene Woche äusserte sich Sandra C. zum Hashtag #SchweizerAufschrei, der aufzeigt, dass Sexismus auch in der Schweiz Alltag ist. Nun zeigt eine Studie, dass wir in Sachen Gleichstellung weltweit kaum Fortschritte machen. Insbesondere nicht in unserem Land, das es in einem internationalen Ranking nicht mal in die Top 10 schafft. Grund genug für die Familienbloggerin, um nochmal nachzutreten.
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© via 9gag.com/kaaalpu

Laut Experten ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch in weiter Ferne. Na dann, gute Nacht.

Zuerst nochmal ein Wort zu dieser Hashtag-Aktion. Angefangen hat sie mit der Aussage einer Politikerin, dass Frauen unter Umständen eine Mitschuld tragen, wenn sie vergewaltigt werden. Und beflügelt wurde sie durch einen US-Präsidentschaftskandidaten, welcher - früher und heute - Dinge von sich gibt, welche an Vulgarität und Frauenverachtung kaum zu überbieten sind. Beides stinkt zum Himmel und kann so unter keinen Umständen unkommentiert bleiben.

Mittlerweile sind wir aber an einem Punkt angekommen, an dem Politikerinnen in Interviews zu Protokoll geben, dass sie es als sexistisch empfinden, wenn ein Kollege ihr ein Kompliment zu ihren schönen Stiefeln macht. Ich bin zwar beileibe keine Expertin in Sachen Männer. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn ein Mann sagt: «Du hast schöne Stiefel an», er meint: «Du hast schöne Stiefel an» und nicht: «Mach mal deine bestiefelten Beine breit, du Schlampe.» Wie bereits im vorherigen Blog geschrieben, geht Anfassen gegen den Willen der oder des Betatschten überhaupt nicht, und dass sich Betroffene per #SchweizerAufschrei zur Wehr setzen, ist immerhin ein Anfang. Aber dass jetzt jeder arme Typ, der mal einen unbeholfenen Spruch fallenlässt, weil ers halt einfach nicht besser kann, in einen Topf mit sexuellen Straftätern geschmissen wird, ist nicht fair. Und auch nicht im Sinn der Sache. Jede Frau, die sich über einen harmlosen Spruch aufregt - und ich rede hier von unbeholfenen Komplimenten, nicht von derben sexistischen Sprüchen - giesst Wasser auf die Mühlen derer, die den #SchweizerAufschrei als kollektives Gejammer von Adiletten-tragenden, unrasierten Männerhasserinnen abtun.

Ich schreibe bewusst Mänerhasserin und nicht Feministin. Denn beim Feminismus geht es nicht darum, den Männern den Rang abzulaufen, sondern als Frau gleiche Rechte und Chancen zu haben wie ein Mann. Und davon sind wir weit entfernt. Gerade ist ein internationales Ranking erschienen, in dem es die Schweiz in Sachen Gleichstellung gerade mal auf Rang 11 schafft - hinter Ländern wie Ruanda oder Nicaragua. Bei der ökonomischen Gleichstellung schaffts unsere gute alte Helvetia gar nur auf Rang 30. Kein Wunder. Frauen verdienen bei uns weniger für den gleichen Job als Männer. Alle wissen das. Niemand tut was. Politik und Wirtschaft schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.

Aber ein kleines bisschen liegt das Problem eben auch daran - und auf die Gefahr, mich zu wiederholen, muss ich auch hier wieder in die gleiche Kerbe schlagen wie im letzten Blog - dass wir Frauen im Alltag Sexismus und Ungleichheiten oft einfach geschehen lassen. Warum fragen wir bei Lohnverhandlungen nicht einmal nach, ob unser Lohn sich im Rahmen von dem des männlichen Kollegen bewegt? Klar, kann sein, dass der Chef dann lügt. Kann aber auch sein, dass er plötzlich ziemlich gute Argumente liefern müsste, warum sie weniger verdient als er.

Ich wünsche mir, dass meine Tochter es in ein paar Jahren nicht als normal empfindet, angegraben zu werden, wenn sie in den Ausgang geht. Ich wünsche mir, dass sie sich dereinst nicht fragen muss, ob sie weniger verdient als ihr männlicher Kollege. Ich wünsche mir, dass sie sich für einen Job bewerben kann, ohne dass ihr Gegenüber auf ihrer Stirn «Junge Frau, Schwangerschaft, Mutterschaftsurlaub, teuer, kranke Kinder, schwierig» geschrieben sieht. Ich wünsche mir für meinen Sohn, dass er sich im Ausgang nicht hinterfragen muss, bevor er eine Frau anspricht, weil so viele Frauen grundsätzlich alle Männer für sexistische Schweine halten. Ich wünsche mir für ihn, dass sein Engagement für seine Kinder genauso geschätzt wird wie das Engagement im Job. Ich wünsche mir für meine beiden Kinder, dass sie in den Genuss eines gleichwertigen Elternschaftsurlaubs kommen, falls sie das Glück haben, Mutter oder Vater zu werden. Und dass sie keinen Hashtag brauchen, um auf Gender-Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.

Die Chancen stehen schlecht. Die Autoren des Gleichstellungs-Reports rechnen mit 170 Jahren, bis Gleichberechtigung in allen Bereichen erreicht ist. Was für traurige Aussichten.

Im Dossier: Weitere Blogs von Sandra C.