Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

So viele gute Vorsätze - so wenig Disziplin

Ende Februar ist im Allgemeinen die Zeit, in der auch die letzten guten Neujahrsvorsätze gebrochen werden. Familienbloggerin Sandra C. kennt die Situation nur zu gut. Schliesslich bricht sie, seit sie Kinder hat, gute Vorsätze mit bestechender Regelmässigkeit.

Wie so vieles, was sich durch mein Leben zieht, hat auch das Brechen guter Vorsätze bereits mit der ersten Schwangerschaft angefangen. «Ein Baby im Bauch ist kein Grund, für zwei zu essen. Und auch Sport ist nicht verboten.» Es brauchte wenig, um das zu vergessen. Namentlich der Anblick von Hackbraten und Kartoffelstock und der Blick nach draussen beim Anziehen der Joggingschuhe. «Was solls. Ich werde eh fett. Ob ich jetzt zehn oder zwanzig Kilo zunehme, ist ja auch wurscht.» Dafür nahm ich mir fest vor, während der Schwangerschaft niemals über mein Gewicht oder mein Aussehen zu jammern. Was schlicht unmöglich ist, wenn dir fünf Mal pro Woche das Tram vor der Nase abfährt, weil dein Tempo dem einer Achtzigjährigen gleicht und du dich beim Termin beim Frauenarzt mehr vor dem Gang auf die Waage fürchtest als vor der Blutabnahme. Auch als es ums Gebären ging, wollte ich eigentlich nichts tun oder sagen, wofür ich mich nachher schämen musste. Ich finde, da habe ich mich einigermassen dran gehalten: «Schert euch alle zum Teufel!» ist doch während der Presswehen einigermassen verzeihbar. 

Kaum war meine Tochter auf der Welt, gings weiter mit dem munteren Vorsätzebrechen. Mein Baby sollte so lange wie möglich Muttermilch bekommen. Ein Vorhaben, das scheiterte, als ich wieder zu arbeiten begann. Das unangenehme Gefühl, wenn sich während einer längeren Sitzung die Brüste bis kurz vor dem Platzen füllen, wird nur noch von dem danach getoppt, wenn du dich eine halbe Stunde im Klo verbarrikadierst und mit einem unhandlichen Teil Milch abpumpst. Und während du die Wand vor dir anstarrst, kommt dir unweigerlich der Gedanke, dass da nur noch ein Trog mit frischem Heu fehlt, dann könntest du die halbe Stunde mit Wiederkäuen rumbringen. Ganz hübsch übrigens auch der Gedanke an den Gesichstsausdruck der Kollegen, wenn sie den Büro-Kühlschrank öffnen, und darin eine Flasche mit der Anschrift «Muttermilch» vorfinden. 

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass es auch einige gute Vorsätze meinerseits gab, die von anderen gebrochen wurden. Zum Beispiel von den Grosseltern meiner Kinder, die meiner Tochter schon vor ihrem ersten Geburtstag ein Glacé in die Hand drückten («So lange wie möglich kein Zucker»). Oder von Gottis und Göttis, die den Kindern jeweils das lärmigste, bunteste Plastikding unter den Weihnachtsbaum legten, das sie finden konnten («so lange wie möglich kein Plastikspielzeug»). Einer der wichtigsten Vorsätze, die ich immer und immer wieder breche: «Ich lasse mich nicht von meinen Kindern erpressen.» Das täubelnde Kind vor dem Spielzeugregal, die dicken Tränen vor dem Glacéstand. Meine Tochter hat die Kunst der Erpressung mit einem einzigen Satz perfektioniert: «Ich bin dir ja sowieso egal.» Die ersten zwei, drei Mal hatte sie damit beachtlichen Erfolg. Denkt sie das wirklich? Bin ich dermassen falsch gewickelt, wenn ich sie nicht an einem Nachmittag zu ihrer Freundin fahre, wieder abhole, zur Tanzstunde fahre, wieder abhole, und zur nächsten Freundin fahre? Macht eine liebende Mutter das, ohne mit der Wimper zu zucken? Ab dem vierten Mal hatten ihre erpresserischen Worte dann Gott sei Dank ihre Wirkung verloren. Und ich teilte meiner Tochter meinen aktuellsten Vorsatz mit, den ich nicht zu brechen gedenke: «Ich bin deine Mutter, nicht deine Freundin. Ich entscheide, und darüber gibt es keine Diskussionen. Auch wenn das bedeutet, dass du mich ab und zu blöd findest. Aber damit kann ich leben.»

Den letzten guten Vorsatz hab ich übrigens gestern gebrochen. «Die Kinder sind jetzt gross genug, ich trage ihnen nicht mehr alles hinterher. Wenn sie was liegenlassen, sollen sie die Konsequenzen selbst tragen.» Aber wer trägt die Konsequenzen, wenn sie aus der Gondel steigen und die Ski wieder mit ins Tal fahren, wenn Mami nicht rennt und sie ihnen nachträgt? Eben. 

Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs von Sandra C. finden Sie im SI-online-Dossier.