Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Erinnerungen an Fritz

Immer wenn Sandra C. auf Reisen geht, kommen Schuldgefühle zurück. Denn die Familienbloggerin hat ihrer Tochter etwas vom Schlimmsten angetan: Sie hat deren liebstes Plüschtier verloren!
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© Getty Images

Noch ohne mein Kuscheltier - welches Kind kennt das nicht...

Ferienzeit. Flughafen. Alle paar Meter das gleiche Bild: Kinder, «bewaffnet» mit Rucksack oder Trolley und Stofftier. Und überall der gleiche Satz: «Pass auf deinen Tommy/Jimmy/Johnny auf. Wenn du ihn verlierst, ist er weg.» Und jedes Mal wenn ich ihn höre, diesen Satz, würde ich am liebsten laut singen, um das schlechte Gewissen zu übertönen, das unweigerlich wieder anklopft. Denn genau das ist mir passiert ­ mir, und nicht meinem Kind. Ich habe Fritz verloren. Am Flughafen. Ausgerechnet Fritz.

Niemand wusste, warum meine Tochter ihn so getauft hat. Wir kennen keinen Fritz. Ich weiss nicht mal mehr genau, wo wir ihn herhatten. Ich meine, mich zu erinnern, dass sie noch im Kinderwagen sitzend ­ den Plüschhund mit den Schlappohren an einem Chilbistand entdeckte und so lange schrie, bis sie ihn bekam. Eines weiss ich noch genau, nämlich, dass ich in weiser Voraussicht gleich zwei davon kaufte. Fritz wurde ihr ein und alles, ­ ihr Haustier-­Ersatz, ihr Freund, ihr ständiger Begleiter. Ohne ihn konnte sie nicht schlafen, sie schleppte ihn überallhin mit. Zwei mal hat sie ihn verloren. Einmal in einem riesigen Einkaufscenter, das in der Folge Meter für Meter durchkämmt wurde ­ mit einem jämmerlich schluchzenden Kleinkind im Schlepptau. Und einmal auf dem Spielplatz auf dem Zürcher Üetliberg. Wir habens erst zu Hause gemerkt, als es schon eindunkelte.

Was für ein Drama! «Er ist ganz allein dort draussen. Er hat Angst», schluchzte meine Tochter, damals etwa sechs Jahre alt. «Du weisst schon, dass Fritz nicht lebendig ist?», wagte ich einzuwerfen. Sie funkelte mich böse an. «Doch, ist er!» Ihr ahnt es: Der folgende Versuch, ihr den Ersatz-Fritz unterzujubeln, scheiterte kläglich. Sie merkte es sofort und würdigte ihn keines Blickes. Ihr Vater zog also los, im Dunkeln, mit Taschenlampe, und kehrte tatsächlich mit dem verlorenen Viech zurück. Tja ­ manchmal sind Väter eben wirklich Helden.

Und dann passiert mir sowas! Handgepäck nicht richtig zugemacht, er ist irgendwie, irgendwo rausgefallen. Ich habs nicht gemerkt, ­ es konnte überall passiert sein. Und diesmal nützte alles Suchen nichts. Fritz blieb verschwunden. Das Wochenende war vermutlich nur deshalb einigermassen erträglich, weil ich aus lauter schlechtem Gewissen halb Kopenhagen (wo wir Freunde besuchten) leerkaufte für mein Töchterchen. Wir fuhren danach noch mehrmals zum Flughafen, um nach Fritz zu suchen, riefen eine Weile lang fast täglich beim Fundbüro an. «Er hat Angst ohne mich. Er vermisst mich bestimmt», sagte meine Tochter regelmässig. Das ist jetzt über ein Jahr her. Sie hat zwei neue Plüschhunde von ihrem Grosi bekommen, die sie ­ aus Mangel am Original ­ als Ersatz einigermassen akzeptiert. Sie heissen beide Fritz. Noch heute spricht sie über den originalen Fritz ­ jedesmal, wenn wir am Flughafen sind, oder sie ein Foto von sich mit ihm sieht, kommt sie ziemlich schnell auf ihn zu sprechen ­ und sie redet noch immer von ihm, als ob er lebendig wäre.

Inzwischen ist sie überzeugt davon, dass er nun bei einem kleinen Mädchen wohnt, das ihn mehr braucht als sie, weil es sonst alleine wäre. Und sie hat ja jetzt ihre Hermine. Die hat den Vorteil, dass sie tatsächlich lebendig ist. Und den Nachteil, dass sie nachts nicht mit ins Bett darf (es reicht, wenn sie sie tagsüber da reinschmuggelt. Das Viech hat schon diverse Laken und Kissenbezüge angeknabbert!)

Mein Sohn hat irgendwann auch eines seiner Plüschtiere zu seinem Liebling erkoren. Ein kleiner Hund namens Timmy. Aber wohl mehr, weil er dachte, das muss so sein.

Wir haben ihn mal in den Ferien im Hotelzimmer vergessen, seither ist er weg. Er hat nie nach ihm gefragt. Jedenfalls bin ich froh, dass ich mit dem Erstehen der Kaninchen den Verlust von Fritz einigermassen wieder gut gemacht habe. Zumal die Chance, diese zu verlieren gering ist. Dachte ich auf jeden Fall ­ bis zum vergangenen Sonntag, als ich Hermine plötzlich ausserhalb ihres Geheges durch den Garten flitzen sah, verfolgt von Nachbars Katze. In ihrer Panik kann sie offenbar über-häsische Kräfte mobilisieren. Ich konnte sie einfangen, bevor sie es auf die Strasse schaffte. Gott sei Dank ­ denn wenn ich das hier auch vermassle, kann ichs wohl nie wieder gut machen.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.