Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Neue Männer braucht das Land

Im letzten Blog schrieb Sandra C. über SRF-Moderatorin Steffi Buchli, die böse angefeindet wurde, weil sie nach ihrem Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten geht. Der Blog löste eine Flut an Reaktionen aus. Auf der einen Seite freut das die Familienbloggerin. Auf der anderen Seite findet sie es doch recht erstaunlich, dass das Thema berufstätige Mütter noch immer und immer wieder in eine Art Glaubenskrieg auszuarten scheint. 
Teilzeit Männer Blog nach Steffi Buchli Tochter Kind Debatte
© Getty Images

Auch Väter können sich um die Kleinen kümmern - wenn die Karriere hinten angestellt wird.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die den letzten Blog geteilt und verbreitet haben und bei allen, die ihn kommentierten ­- egal in welcher Art und Weise. Die einzelnen Kommentare und Meinungen lasse ich gern für sich sprechen. Auf einen möchte ich eingehen, weil ich mich tatsächlich ertappt fühle: «Schade, muss sich Sandra C. selber eines Klischees bedienen. Denn viele dieser gehässigen Besserwisser (...) sind Männer, die vermutlich weder das Lieblingsessen ihrer Kinder kennen (...) weil sie selbst ihren Job dem Nachwuchs immer vorgezogen haben. Solche (sexistisch anmutende) Pauschalaussagen werden niemals hilfreich sein in unserem Kampf gegen jegliche Form von Genderungerechtigkeit», schreibt Laurent.

Er hat Recht, und ich entschuldige mich mit Freuden bei jedem Mann, der auch nur ein bisschen dazu beiträgt, dass wahre Gleichberechtigung in der Schweiz irgendwann in greifbare Nähe rückt. Denn allein werden wir Frauen das nicht schaffen. Wir brauchen Männer, die den Mut haben, ihre Familie auf die gleiche Stufe zu stellen wie ihre Karriere, und die auch ein bisschen dafür kämpfen, dies im Alltag leben zu können. Ich weiss, dass es immer mehr dieser mutigen Männer gibt. Aber noch nicht genug. Wie viele Männer kennt ihr, die bereit sind oder waren, zugunsten ihrer Familie ein Stück ihrer Karriere zu opfern? Ich persönlich nur eine Handvoll -­ und ich hatte und habe das unglaubliche Glück, dass der Vater meiner Kinder dazugehört. 

Meine Wut richtet sich gegen die Männer, die uns arbeitstätigen Frauen vorwerfen, unsere Kinder zu vernachlässigen, während sie selbst immer zu hundert Prozent arbeitstätig waren -­ und wenn man die Statistiken studiert, sind letztere eben immer noch die Mehrzahl. Dass mit so unterschiedlichen Ellen gemessen wird, macht mich hässig. Und zuweilen auch ein bisschen hilflos. Denn trotz allem Goodwill, liebe Männer, könnt ihr kaum nachvollziehen, wie es ist, wenn ihr eigentlich gern arbeiten würdet, aber immer wieder gesagt bekommt, man hätte «schlechte Erfahrungen» mit Müttern gemacht. Wenn ihr auf zehn Bewerbungen zehn Absagen bekommt und auf die elfte, bei der ihr mit schlechtem Gewissen eure Kinder nicht erwähnt habt, werdet ihr zum Gespräch eingeladen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es ist, wenn man vom Vaterschaftsurlaub kommt (hahahaha!) und am ersten Tag die Kündigung auf dem Pult findet. Ihr wisst nicht, wie es ist, wenn euch die Kindergärtnerin am Elterngespräch sagt: «Das ist für ein Kind halt schon nicht so einfach, wenn der Vater so viel arbeitet.» Und ihr wisst nicht, wie es ist, wenn man jeden Tag zuerst an seine Kinder denkt, dann an den Arbeitgeber, dann an den Haushalt und an den Partner ­und ganz, ganz zuletzt an sich selbst, und dafür am Ende des Tages als Egoistin betitelt wird.

Vor kurzem habe ich ein Interview mit Sarah Fischer gelesen, Autorin des Buches «Die Mutterglücklüge». Das Buch trägt den bezeichnenden Untertitel: «Warum ich lieber Vater geworden wäre.» Und den entscheidenden Satz im Interview fand ich folgenden: «Ich dachte, ich hätte die Wahl.» Das dachte ich eben auch, bevor ich Mutter wurde. Ich dachte, ich hätte in der heutigen Zeit die Wahl, mein Leben so zu leben, wie ich das möchte, ohne dass mir dafür jemand an den Karren fährt, ohne dass man mir als Mutter weniger zutraut, weder privat noch beruflich. Ich hatte falsch gedacht. Leider muss man hinzufügen, dass auch Väter heutzutage ­- noch ­- nicht wirklich die Wahl haben. Auch sie haben vielfach kaum eine Chance, Job und Familie so zu vereinbaren, dass echte Gleichberechtigung möglich ist.

Ich dachte immer, es ist besonders wichtig, meine Tochter so zu erziehen, dass sie selbst und ihre Generation dereinst Kinder und Karriere selbstverständlicher vereinbaren können als wir das können. Auch da lag ich ein bisschen falsch. Es ist nämlich genauso wichtig, meinen Sohn so zu erziehen, dass auch er das kann. Irgendwann.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.