Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Teenage Dreams

Die Tochter von Sandra C. schmiss kürzlich ihre erste Teenie-Party. Die Familienbloggerin hatte Panik vor einem ganzen Haufen Pubertierender. Und stellte zu ihrem grossen Erstaunen fest, dass diese ganz angenehme Zeitgenossen sein können. Wenn sie denn wollen.
Teenager Party
© iStockphoto

Eine Party mit lauter Teenagern? Gar nicht so schlimm, hat Bloggerin Sandra C. festgestellt.

Vor ein paar Tagen, ich warte vor der Schule auf meine Kinder und beobachte, wer da so alles kommt und geht. Zwei Klassenkameraden meiner Tochter schlendern vorbei - und das meine ich wörtlich. Bei männlichen Teenagern scheinen die Extremitäten unproportional zum Rest des Körpers zu wachsen, weshalb sie überlang erscheinen. Das gilt auch für die Füsse, die in ihren klobigen Turnschuhen, aus denen lange, dünne Beine ragen, nicht nur riesig wirken, sondern es auch sind. Die beiden tragen neonbunte Klamotten, Käppis und verspiegelte Sonnenbrillen (sie sind knapp elfjährig!). Und die Wortfetzen, die ich von ihrer Diskussion aufnehme, klingen etwa so: «He, Alte, Mann. He, mini Muetter. He voll nöd, voll peinlich. Aber he Mann, die isch au voll alt, die tscheggt das nöd.» Äääähm, ja. (Nur so am Rande: Ich kenne die Mutter des Jungen, sie ist nicht viel älter als ich...) Ein paar Minuten später kommen zwei Mädchen vorbei, die einander aus irgendeinem Grund anzicken. Als sie an mir vorbei sind, bricht die eine in Tränen aus und rennt davon.

Als meine Tochter sich endlich zu mir bequemt hat, teilt sie mir aufgeregt mit, dass sie und ein paar Freundinnen beschlossen haben, ein Sommerfest zu organisieren - «einfach so» - und die ganze Klasse einzuladen. «Und wo wollt ihr das machen?», frage ich. «Am See, bei der Grillstelle. Die Mädchen besorgen alle etwas (das heisst: die Eltern der Mädchen. Mein Auftrag: Donuts und alkoholfreier Sekt) und die Jungs sind einfach eingeladen.» - «Und die kommen dann?» - «Ja klar, warum nicht?» - «Und sind da auch Eltern dabei?» Sie druckst herum. Dann sagt sie das Unglaubliche: «Ich dachte, du könntest vielleicht mitkommen.» Oh! mein! Gott! Sie will mich tatsächlich in der Nähe haben. Bei ihrer Party. Als so uncool kann ich also nicht gelten. «Also gut», meine ich, sehr um Coolness bemüht. Auch wenn mir vor dem Gedanken graut, 24 Halbwüchsige im Zaum halten zu müssen, die mich für «voll alt» halten, einander anzicken und irgendwann in Tränen ausbrechen. Aber ich sage nichts weiter. Auch nicht, dass die Grillstelle an einem Freitagabend zu 99 Prozent besetzt sein würde. Dass man nicht nur ans Essen und Trinken denken muss, sondern auch an Geschirr, Besteck und Becher. Und dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass da alle kommen.

Ich habe mich geirrt. Und zwar so was von. Die gesamte Klasse kommt. Die Mädchen und die Jungs. Und ihre Lehrerin, die sie auch eingeladen haben, schaut ebenfalls auf einen Sprung vorbei. Die Grillstelle markierten sie bereits am frühen Nachmittag mit einem grossen Plakat: «Reserviert für 4. Klasse! Don't touch!» Und sie haben an alles gedacht - Plastikgeschirr, Würste, Kohle (und ein Papa, der den Grillmeister spielt), sogar Dekomaterial. Alles selbst organisiert und untereinander aufgeteilt. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich stolz sein soll auf das Organisationstalent meiner Grossen oder ob es mir ein bisschen Angst macht. Und wenn ich die anderen anwesenden Eltern anschaue, geht es ihnen wohl gleich. Wir stehen da, betrachten das Gewusel, und denken ziemlich sicher alle genau das gleiche: «Gerade waren sie doch noch Babys!»

Etwas vom für sie Wichtigsten haben sie verwunderlicherweise vergessen: Niemand hat einen iPod dabei. «Können wir dein iPhone haben?», fragt meine Tochter. Ah - ich dachte schon, der Moment kommt nie: Der Moment, in dem es sich als nützlich herausstellt, dass sich beim letzten Update Teenie-Girls' gesamte Musik-Galerie auf mein iPhone lud, ohne dass ich es stoppen konnte. Mit verwundertem Ausdruck scrollt sich der Spiegelsonnenbrillen-Bub durch mein Handy und wirft mir einen bewundernden Blick zu. Ha! Doch nöd so voll alt, Milchbubi, gell? So plärrt bald irgendein HipHop-Tune aus den Boxen, was das frisch verliebte Paar neben uns endgültig dazu bewegt, das Feld zu räumen.

Was mich am meisten umhaut an diesem Abend: Wie total friedlich die können, wenn sie wollen. Kein Krach, kein Rumgezicke, keine blöden Sprüche. Keine Tränen, kein Gemaule, keine Wutanfälle. Und das bei 24 Teenies auf einem Haufen! Schon klar, dass sie das Aufräumen grosszügig uns Eltern überlassen. Was auch wir für einmal ohne Schimpfen machen. Denn auch in diesem Moment geht uns wohl wieder allen das gleiche durch den Kopf: «Wow. Wir hatten viel Schlimmeres erwartet. Die können ja richtig nett sein. Hoffentlich hält das noch ein bisschen an.»

Tut es natürlich nicht. Bereits am nächsten Morgen werde ich mit verkniffener Miene für das Fehlen eines Bikini-Oberteils verantwortlich gemacht und auf meine Bemerkung, ich könne ja in Zukunft vor ihren Klassenkameraden kontrollieren, ob sie ihre Unterwäsche trage, ernte ich wieder den altbekannten «läck-bist-du-blöd»-Blick. Aber immerhin weiss ich jetzt, dass sie auch anders kann.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge