Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Verliebt, verlobt, getrennt

Seit einiger Zeit beobachtet Sandra C. ein Phänomen in ihrem Umfeld: Immer mehr Frauen verlassen ihre Männer. Und sind danach - bitter enttäuscht und völlig desillusioniert - unerbitterlich im Kampf um Recht, Geld und Kinder. Die Männer stehen vor den Trümmern ihrer Familie, und haben keine Ahnung, was eigentlich passiert ist. Die Familienbloggerin findet es an der Zeit, mal eine Lanze für die Herren der Schöpfung zu brechen. Die können nämlich - entgegen der Erwartungen vieler Frauen - ganz schlecht Gedanken lesen.
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© Getty Images

Wenn in der Beziehung nichts mehr geht, dürfen die Kinder nicht darunter leiden.

Im Moment habe ich das Gefühl, rund um mich herum zerbrechen Familien. Und es sind immer die Frauen, die ihre Männer verlassen ­ mit den paar Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Für die meisten Männer kommt die Trennung total aus dem Blauen, genau so wie die Vorwürfe, mit denen sie sich plötzlich konfrontiert sehen. Und das Gemeine daran: Er kann nichts mehr tun, um die Familie zu retten, denn sie hat sich längst entschieden. Sie hat die Beziehung schon vor Monaten beerdigt, ist bereits durch alle Stadien der Trauer gegangen -­ Lethargie, Selbstmitleid, Vorwürfe, Wut -­ und in einem Stadium der Gleichgültigkeit angelangt, in dem nichts mehr zu machen ist. Und er hat nichts gemerkt.

Denn eines haben diese Männer alle gemeinsam: Sie waren jahrelang beschäftigt mit ihrem eigenen Leben, mit ihrer Karriere, ihren Freunden, ihren Hobbys. Aber nicht nur das. Sie waren auch jahrelang damit beschäftigt, alles richtig zu machen, ein guter Vater zu sein, Zeit mit den Kindern zu verbringen, der Vaterrolle gerecht zu werden, welche in der heutigen Zeit von ihnen verlangt wird. Umso härter trifft sie der Schlag, wenn sie sich plötzlich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, sie habe jahrelang zurückgesteckt, alles aufgegeben für die Familie, während er nie einen Kompromiss machen musste. Und dieser Vorwurf kommt in 80 Prozent der Fälle.

Dabei ist es ihr fast immer gleich gegangen: Auch sie war jahrelang damit beschäftigt, alles richtig zu machen. Für sich und ihre Familie die richtige Balance zu finden, die richtigen Entscheide zu treffen. Was Männer wohl oft unterschätzen: Für eine Frau ändert sich mit der Geburt eines Kindes alles. Ihr Alltag, ihr Denken, ihr Fühlen, ihr gesamtes Dasein. Für einen Mann verschieben sich mit der Geburt eines Kindes die Prioritäten. Sonst ändert sich sein Leben nicht massiv. Der Entscheid, wie ihre Frau ihr Leben gestalten möchte, ob und wieviel sie arbeitet, kann er zwar beeinflussen, er kann sie unterstützen oder nicht. Treffen muss sie ihn aber allein. Und wie schwer dieser zuweilen auf mütterlichen Schultern lasten kann -­ denn egal, was sie macht und wie sie es macht, sie wird immer dafür kritisiert, und es wird sich niemals zu hundert Prozent richtig anfühlen ­- zeigt sich erst Jahre später. Eben dann, wenn sie so lange versucht hat, perfekt zu sein, als Mutter, als Frau, im Job, und immer wieder an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert ist. Und irgendwann ihm die Schuld daran gibt. Oder zumindest eine Mitschuld.

«Sie hat das alles doch so gewollt», sagte kürzlich ein Freund. «Sie wollte heiraten. Sie wollte Kinder. Sie wollte mit den Kindern zu Hause bleiben. Ich hätte doch nichts dagegen gehabt, wenn sie gearbeitet hätte. Aber sie wollte ja gar nicht.» Er hat immer zu allem Ja gesagt, war froh, sich um nichts kümmern zu müssen. Und jetzt steht er völlig hilflos vor den Scherben seiner Ehe. Und sie? Ist genauso verletzt. Und wütend. Auf ihn, weil er nicht gemerkt hat, dass sie nicht glücklich war. Aber wie hätte er auch sollen, schliesslich hat sie es lange genug selbst nicht gemerkt. Oder nicht merken wollen. Und jetzt, enttäuscht von ihm, von ihrer Ehe, von sich selbst und vom Leben, pisst sie ihm - Entschuldigung ­- ans Bein, wo sie nur kann. Und die Leidtragenden sind die Kinder.

Klar, Trennungen lassen sich oft nicht vermeiden. Eine Beziehung ist etwas vom Schwierigsten überhaupt, egal, ob man Kinder hat oder nicht. Leute ändern sich, oder eben nicht, ihre Ziele und Träume ändern sich, manchmal lebt man sich halt einfach auseinander. Aber wenn man ­- und vor allem: frau! ­- ihre Erwartungen manchmal ein bisschen zurückschrauben würde­ an ihren Mann, an die Beziehung, an die Kinder, ans Leben, und vor allem an sich selbst ­wäre die Enttäuschung nicht ganz so gross, wenn nicht alles perfekt ist. Ich habe das Gefühl, viele Frauen erwarten von ihrem Mann, dass er sie glücklich macht. Aber das kann er nicht. Das ist nicht sein Job ­- und im Übrigen auch nicht derjenige der Kinder. Jede ist für ihr eigenes Glück verantwortlich. Ich habe öfter erlebt, dass gerade Frauen, die sich ein Familienleben wie aus einer «Milchschnitte» Werbung erträumten, dann trotz dieses vermeintlich perfekten Lebens nicht happy waren. Und warum nicht? Weil ihre Ansprüche an sich selbst, an ihn, an die Ehe, an die Familie, gerade wegen dieser Perfektion so hoch waren, dass irgendwann irgend etwas scheitern musste ­- und meistens ist es die Beziehung, die sich als nicht ganz so perfekt herausstellt, wie man sich das vorgestellt hat.

Und, liebe Frauen, ich muss hier tatsächlich noch eine Lanze brechen für die Männer: Die können nicht Gedanken lesen. Und auch nicht zwischen den Zeilen. Wenn man etwas von ihnen will, muss man es ihnen sagen. Es hat nichts mit mangelnder Liebe oder Aufmerksamkeit zu tun, wenn sies nicht selbst merken. Sie sind einfach so. Und: Für eine funktionierende Beziehung braucht es zwei. Genau wie für eine, die nicht mehr funktioniert. Es ist nie einer allein Schuld. Bevor man also dem anderen die Schuld gibt, für alles, was schiefläuft oder schiefgelaufen ist, sollte man vielleicht zuerst mal vor der eigenen Tür wischen. Das alles rettet vielleicht keine Familie. Aber wenn man zusätzlich noch ein bisschen gesunden Menschenverstand walten lässt, ist es eventuell ein bisschen erträglicher für die Kinder. Denn sie können nie etwas dafür, wenn ihre Eltern nicht mehr miteinander können oder wollen. Das darf man nie vergessen.

Im Dossier: Alle Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.