Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Springt über euren Schatten, Männer!

«Die neuen Väter» titelte die «Schweizer Illustrierte» in ihrer letzten Ausgabe. Unglaublich eigentlich, dass es Männer, die sich um ihre eigenen Kinder kümmen, auf die Titelseite einer der renommiertesten Zeitschriften des Landes schaffen, findet Sandra C. Grund genug für die Familienbloggerin, dem anderen Geschlecht ein paar Zeilen zu widmen.
SI Cover Nr. 45 06-11-15 Die neuen Väter
© Cover Schweizer Illustrierte

Die «Schweizer Illustrierte» widmete sich in seiner letzten Ausgabe den neuen Vätern.

Liebe Männer,

laut einer Umfrage der «Schweizer Illustrierten» geben 41 Prozent der Väter die Vollzeit arbeiten an, sie hätten gern mehr Zeit für ihre Kinder. Das heisst, dass 49 Prozent von euch vollkommen damit zufrieden sind, die lieben Kleinen am Abend und am Wochenende zu bespassen. Ihr habt schliesslich Wichtigeres im Kopf als volle Windeln, Rüeblibrei und Hausaufgaben. Aber es kommt noch besser: Gerade mal zwölf Prozent geben an, während der letzten zwölf Monate aktiv versucht zu haben, ihr Arbeitspensum zu reduzieren. Das heisst, dass fast ein Drittel aller Männer, die 100 Prozent arbeiten, gern mehr Zeit für ihre Familie hätten, aber nichts versuchen, um die Situation zu ändern.

Warum nicht? Für mich gibts dafür nur zwei Erklärungen: Entweder ihr lügt, und ihr wollt gar nicht mehr Zeit mit Windeln wechseln oder Zmittag kochen verbringen (aber wenn man so direkt gefragt wird, machts halt nicht so eine gute Falle, das zuzugeben). Oder ihr habt schlicht und einfach nicht genug ­- Entschuldigung -­ Eier in der Hose, um zu sagen, was ihr wollt. Wisst ihr, was ich glaube? Ich glaube, unterm Strich ist für viele von euch der Job einfach immer noch am Wichtigsten. Was nicht unbedingt heisst, dass euch die Familie weniger wichtig ist. Ihr sorgt euch einfach mehr ums finanzielle Wohlergehen derselbigen als um anderes. Was völlig in Ordnung ist, irgend jemand muss sich ja um die Kohle sorgen.

Womit wir mal wieder bei meinem Lieblingsthema wären: Gleichberechtigung. Viele von euch, liebe Männer (aber auch viele Frauen) verstehen dieses Wort nicht richtig. Es geht nicht darum, dass wir alle gleich sein müssen, gleich fühlen und die gleichen Prioritäten haben. Das tun wir einfach nicht. Wenn ihr mich fragt, was meine Prioritäten im Leben sind, sage ich: Dass meine Kinder glücklich sind. Dass sie Freunde haben. Dass sie selbstbewusst sind. Dass sie einigermassen gut sind in der Schule, damit sie später ihren Weg gehen können. Wenn ihr den Vater meiner Kinder fragt, sagt er vermutlich: Schön und gut, aber das nützt alles nichts, wenn sie nichts zu Essen auf dem Tisch haben! Und wisst ihr was? Er hat recht. Aber ich auch.

Und trotzdem -­ trotz unserer sehr typisch weiblichen und männlichen Ansichten und Prioritäten -­ haben wir ein sehr untypisches Familienmodell gewählt. Ich habe schon immer relativ viel gearbeitet, mein Partner war schon immer verhältnismässig viel für die Kinder da. Weil wir zwar die Prioritäten anders gesetzt haben, aber dem anderen immer auch die gleichen Chancen geben wollten. Was wir dabei gelernt haben? Eine tolle Titelstory zu schreiben ist sehr viel besser fürs Selbstbewusstsein, als Rüeblibrei zu kochen, welchen das Kind wieder ausspuckt. Und das Kind, das abends nach Papi verlangt, um Gute Nacht zu sagen, ist sehr viel besser fürs Gefühlsleben als das Mail, das abends noch mit einem Grossauftrag reinkommt. Aber man muss es eben versuchen, um diese Erfahrungen zu machen.

Wir Mütter haben schon länger erkannt, dass das Bedürfnis nach Anerkennung im Job nicht heisst, dass wir unsere Kinder weniger lieben. Und ihr lieben Väter, merkt jetzt langsam, dass das Bedürfnis, im Leben eurer Kinder eine grössere Rolle zu spielen, nicht heisst, dass ihr euren Job schlechter macht. Ihr seid auf dem richtigen Weg. Jetzt gilt es, den Kampf aufzunehmen. Und zwar nicht den gegen eure Chefs und die Vorurteile in der Gesellschaft. Sondern in erster Linie den gegen euch selbst und eure eigenen Vorurteile. Springt über euren Schatten. Ihr werdet sehen: Es lohnt sich.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.