Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Von der Langsamkeit in der Kindererziehung

Manchmal findet man im grössten Trubel eine kleine Trouvaille, die einen dran erinnert, mal einen Gang zurück zu schalten. Geschenkt! Wer im Leben was erreichen will, muss Vollgas geben. Aber das müssen meine Kinder jetzt noch nicht unbedingt wissen.

«Chi va piano va sano e va lontano» war der Lieblingsspruch meines Vaters. Da «piano» sowohl «langsam» als auch «leise» bedeutet, kann man den Spruch auf zwei Arten übersetzen: «Wer langsam geht, bleibt gesund und kommt weit» (so ist er hauptsächlich gemeint) oder «Wer leise ist, bleibt gesund und kommt weit».

Hatte mein Vater eigentlich keine Kinder? (Das ist eine rhetorische Frage, im Fall. Ich weiss sehr wohl, wem ich mein Leben verdanke.) Aber wer Kinder hat, weiss, dass
der Spruch im besten Fall Wunschdenken und in allen anderen Fällen schlicht bescheuert ist. Kinder gehen nicht langsam. Nie. Sie rennen. Immer. Und Kinder sind nicht leise. Sie schreien. Immer. Auch wenn sie neben dir stehen. Und wenn du in einem anderen Raum bist und dir die Ohren zuhältst, schreien sie so lange, bis du aufgibst, zu ihnen gehst und «Was ist los?» brüllst.

Als mein Sohn vor einigen Wochen seine erste Logopädiestunde hatte - er muss da hin, weil er lispelt... Kein Wunder, bei der Zahnlücke... Na ja, heutzutage kann man ja sogar Zahnlücken wegtherapieren... Aber dieses Thema muss ich ein anderes mal vertiefen ... Also: Die Logopädin meinte, er habe eine kratzige Stimme, ob er oft schreie? Oft? Ist das ein Witz? Der wird irgendwann seiner ersten grossen Liebe «Ich liebe dich» ins Ohr brüllen, und wenn sie sich trennen, muss er - oder ich - ihr das Hörgerät berappen. «Oft? Ähm, ja... manchmal schon... Es geht eigentlich», sagte ich.

«Chi va piano va sano e va lontano». Der Spruch steht auf der Rückseite der Karte, die man im «Vapiano» als Zahlungsmittel erhält. Kennt ihr das «Vapiano»? Eine Art edel-italienisches Selbstbedienungs-Restaurant, in dem es mittags zugeht wie in einem Bienenhaus. Wer nicht schnell genug ist, hat keine Chance, einen freien Platz zu ergattern, und Unterhaltungen in normaler Lautstärke sind unmöglich, wenn das Restaurant voll ist. «Chi va piano va sano e va lontano». Wie recht doch mein Vater hatte. Es wird Zeit, dass auch mein Nachwuchs diese Lektion lernt. Ich halte meiner Tochter die Karte unter die Nase. «Was heisst das?», fragt sie. «Wer langsam geht und leise ist, kommt weit im Leben», schreie ich, um den Lärm zu übertönen, und renne davon, um die frei gewordenen Plätze in der Ecke zu ergattern.