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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Von Homosexualität und Gleichberechtigung

Eigentlich wollte unsere Familienbloggerin nicht schon wieder über Gleichberechtigung schreiben. Auch wenn das Thema diese Woche in der Luft liegt. Aber dann hat ihr Blogger-Kollege eine so wunderbare Steilvorlage geliefert, dass Sandra C. gar nicht anders kann.

Als ich vergangenen Sonntag die SRF-Diskussionssendung «Arena/Reporter» zum Thema Feminismus schaute, brannte es mir schon unter den Nägeln. Ob es den Feminismus in der Form, in der er sich jetzt äussert, noch braucht, ist zwar tatsächlich Ansichtssache. Wer aber behauptet, in unserem Land herrsche Gleichberechtigung, muss blind und taub sein. Aber: Diskriminierung ist eben keine Einbahnstrasse. Auch Männer sind betroffen. Und bei aller Liebe zum Feminismus muss man sagen, dass er dieser Tatsache einfach zu wenig Beachtung schenkt. Schlussendlich müssten doch beide Geschlechter an Gleichberechtigung interessiert sein. Und nochmal: Davon sind wir noch meilenweit entfernt.

Ich wollte also eigentlich nicht über Gleichberechtigung schreiben. Aber dann habe ich den Blog meines lieben Kollegen Onur Ogul gelesen. Er beschrieb sechs Situationen, in denen er froh ist, schwul zu sein. Und nannte damit auch gleich sechs Gründe, warum Gleichberechtigung bei uns noch immer ein frommer Wunsch ist:

Anstehen vor Clubs. Weil man meist nur reinkommt, wenn man eine oder mehrere Frauen dabei hat. Was man als schwuler Mann im Ausgang meist hat.
Die Zeiten, in denen ich vor einem Club in der Schlange stand, sind zwar längst vorbei – kein Club der Welt kann mit acht Stunden Schlaf konkurrrieren. Aber ich kann mich vage daran erinnern, dass man als Frau tatsächlich selten lange in der Kälte stand, während gewisse Typen unter Umständen stundenlang dort ausharrten. Wie fies ist das denn. Es kann doch nicht sein, dass Frauen im Ausgang mehr wert sind als Männer.

Bei Vorstellungsgesprächen. Auch wenn eigentlich nicht nach dem Privatleben gefragt werden dürfte. Man tut es trotzdem. Ein schwuler Mann ohne Kinderwunsch – ideal für jeden Arbeitgeber.
Dazu muss man ja eigentlich nichts mehr sagen. Ich wurde immer wieder nach den Kindern gefragt im Job. Bei einem Mann ist das nicht der Fall, das ist einfach eine Tatsache. Selbstverständlich unterstelle ich hier keinem Arbeitgeber bewussten Sexismus (abgesehen davon, dass ich auch aus eigener Erfahrung und in meinem Umfeld andere Beispiele kenne), aber die Vorurteile in unseren Köpfen sind enorm – und das gilt übrigens auch für weibliche Vorgesetzte. Und sorry, wie doof ist die Frage «Was machen Sie denn, wenn das Kind krank ist?» Ich kenne im Fall locker ein halbes Dutzend Männer, die öfter krank sind als meine beiden Kids und ich zusammen.

In Sachen Militärdienst. Als Homosexueller ist er offenbar immer noch relativ einfach zu umgehen.
Nein, ich bin auch kein grosser Fan dieses Vereins. Und wenn wir schon dabei sind: Ich frage mich schon manchmal, warum jeder vorbehaltlos fürs Militär Steuern abdrückt, aber bezahlbare Kinderbetreuung ist keinen Steuer-Rappen wert. Aber: Wenn dieses Land tatsächlich das Gefühl hat, Militär-Pflicht sei unabdingbar für unser Wohlergehen – ja, dann bin ich dafür, dass das auch für Frauen gilt.

Frauen sind keine allzeit-bereiten Geschöpfe

Schwule habens leichter, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Im Job und im Privatleben.
Umgekehrt scheinen Männer den Frauen nicht in dem Mass zu misstrauen wie Frauen den Männern. Weil kaum ein Mann je Erfahrungen mit körperlichen oder verbalen Übergriffen unter der Gürtellinie gemacht hat, aber fast jede Frau. Das muss aufhören. Es muss doch möglich sein, dass das irgendwann in allen Köpfen ankommt: Kein Mensch der Welt hat das gottgegebene Recht, sich physisch oder psychisch auf die Kosten eines anderen zu bedienen. Wer als Mann das Vertrauen einer Frau will, muss ihr auf Augenhöhe begegnen. So schwierig wärs eigentlich nicht.

Familienfeste ohne die nervige Fragerei nach Heiratsplänen und Kinderwunsch.
Das kann jedem passieren. Und jeder nochmehr. Unsere Schweizer Volksseele sieht in Ehe und Familie immer noch das Nonplusultra, das perfekte Glück. Entscheidet sich ein Mann dagegen, hat man meist Verständnis. Schade für ihn zwar, aber die Karriere geht halt vor, das versteht man. Entscheidet sich eine Frau dagegen, fragt man sich: Was stimmt nicht mit der? Karrieregeile Egoistin? Heimlich vom anderen Ufer? Irgendetwas ist auf jeden Fall nicht ganz richtig mit einer, die freiwillig auf Mann und Kinder verzichtet.

Es hilft, mit einem Menschen im Bett zu sein, der mit den gleichen Körperteilen aufgewachsen ist wie man selbst.
Na ja, so übel ists nicht, wenns anders ist. Trotzdem herrscht in extrem vielen Köpfen noch die Meinung vor, dass Sex mehr oder weniger Männersache ist. Liebe Männer: Werbung und Pornos sind nicht das reale Leben! Frauen sind keine allzeit-bereiten, willenlosen Geschöpfe, die nur darauf warten, von euch …. Ääääh, ja. Beziehungsweise eben nicht. Gleichberechtigung gilt auch für horizontale Lebenslagen. Dann ganz besonders.

Wir sind noch lange nicht gleichberechtigt. Weder im Job, noch in der Freizeit, noch in der Familie, noch im Bett. Die Vorurteile in unseren Köpfen betreffen Frauen und Männer, Homo- und Heterosexuelle. Abbauen können wir sie nur, wenn wir andere und uns selbst immer wieder hinterfragen, und uns gegen Diskriminierung wehren. Wir sind auf gutem Weg. Aber noch lange nicht angekommen.