Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Von Teenies, Trends und Fidget Spinnern

Es gibt wohl kaum eine Zeit, in der man sich so sehr nach Individualität sehnt, und trotzdem so gleich sein will wie alle anderen, wie die Pubertät. Familienbloggerin Sandra C. beobachtet dieses Phänomen bei beiden ihrer Kinder - und ist immer wieder erstaunt darüber, wo diese den Trends nachrennen, und wo sie tatsächlich ihren ganz eigenen Weg gehen.
Fidget Spinner
© GettyImages

Fidget Spinner sind bei Teenagern gross im Trend.

Die Dinger heissen Fidget Spinner und treiben mich in den Wahnsinn. Nicht, weil ich die kleinen, farbigen Kreiselspielzeuge so furchtbar fände - meine Kinder haben schon blödere Trends mitgemacht - sondern weil sie im Leben meines Sohnes derzeit einen meiner Ansicht nach viel zu wichtigen Stellenwert einnehmen. Ich finds einfach nicht besonders witzig, wenn ein knapp Elfjähriger morgens um kurz vor acht, wenn man schon lange aus dem Haus sein sollte, einen Totalzusammenbruch hat, inklusive Tränen, Geschrei, und Sachenrumwerfen, weil er den grünen Fidget Spinner nicht findet. Seine Aussage, als er sich vor ein paar Wochen von seinem Taschengeld das erste dieser Dinger kaufte, war ja irgendwie noch witzig (nachdem er mich tatsächlich minutenlang vollgequatscht hatte, was für einen Jungen in dem Alter recht aussergewöhnlich ist): «Sorry. Wenn ich endlich etwas habe, das alle anderen auch haben, bin ich so aufgeregt, und dann rede ich so viel!»

Trends sind teuer

Das Gute an diesen Fidget Spinnern: Sie sind einigermassen erschwinglich, kosten zwischen fünf und zehn Franken pro Stück. Ihre «Unbedingt-Haben-Muss-Vorgänger» , die Pennyboards (kurze, schmale Skateboards), haben das Fünffache gekostet. Und was davor war, fand ich sowieso unter aller Sau: Pokémon-Karten. Sammelkarten mit diesen Spielfiguren darauf. Das Sammeln und Tauschen ist dermassen ausgeartet, dass sie sich die Kids gegenseitig in der Schule geklaut haben, so dass das Mitbringen der Karten schliesslich verboten wurde. Und zu Weihnachten hat sich mein Sohn eine Box von den Dingern gewünscht. Preis: 100 Franken! Für ein paar Kärtli. Die ich letzthin weggeworfen habe, weil sie auf dem Boden rumlagen. Er hats nicht mal gemerkt.

Teenager in Uniform

Meine Tochter ist nicht ganz so anfällig auf diese Gadget-Trends. Sie ist zwar im Besitz eines pinken Fidget Spinners, den hat sie aber von mir, weil ich mal fand, ich könne nicht ihrem Bruder was kaufen und ihr nicht. Pennyboards und Pokémon gingen an ihr vorbei. Dafür sind ihr die Klamotten umso wichtiger: Mussten es vor zwei Jahren noch unbedingt «Nike»-Sneakers und vor einem Jahr «Vans» sein, geht jetzt nichts über «Adidas Superstars». Die Dinger kosten 120 Franken und ich habe ihr gesagt, sie muss selbst einen Teil ihres Taschengelds draufzahlen, wenn ihr die so wichtig seien. Waren sie ihr. Sie nennt jetzt also ein weisses Paar (Muss!) mit silbernen Streifen ihr eigen. Dazu kommt eine Schublade voller «Snipes»-Shirts, weil man momentan gar nichts anderes tragen kann als einigermassen trendbewusstes Teenie-Girl. Lustigerweise macht diese «Teenager-Uniform» auch vor den Landesgrenzen nicht Halt. Ich war kürzlich in Italien, wo ich bei einer Erkundungstour durch die sardinische Stadt Cagliari an einer Schule vorbeikam, und die Mädels, die da ein und ausgingen, sahen alle gleich aus wie meine Tochter: Hochgeschnitte Jeans, kurze Shirts, Adidas-Sneakers. Wer sagt denen eigentlich, dass sie alle unbedingt so rumlaufen müssen?

Von Bieber zu Beethoven

Zumal meine Tochter sonst durchaus ihren eigenen Kopf hat. Und als Kleinkind auch ihren eigenen Geschmack: Ich erinnere mich mit Wehmut an ein kleines Mädchen in Prinzessinnenkleid, Gummistiefeln und Baseballcap. Aber auch heute gibt es ein paar Dinge, in denen sie auf den Mainstream pfeift. Mittlerweile hat sie sich mit ihren Sommersprossen angefreundet und freut sich, dass diese sie von anderen unterscheiden. Vor ein paar Jahren entschied sie sich noch für Hobbys, weil ihre Freundinnen diese betrieben. Jetzt beschäftigt sie sich in ihrer Freizeit wirklich mit Dingen, die ihr Spass machen. Und lässt fürs Singen, Tanzen oder Theaterspielen sogar mal eine Geburtstagsparty sausen. Und während sie anfangs noch Songs ihrer Teenie-Idole sang und klimperte, höre ich mittlerweile sehr viel Verschiedenes aus ihrem Zimmer - zum Beispiel selbst geschriebene Songs oder kürzlich sogar Klassik am Klavier. «Was ist das?», fragte ich sie. «Beethoven. Isch schön. Kännsch?» - «Äh ja - aber ich wusste nicht, dass du den kennst. Ich dachte, du kennst nur Bieber.» Sie wirft mir ihren Du-häsch-kei-Ahnig-über-mich-und-mis-Läbe-Blick zu und spielt weiter.

Ah, apropos Musik: Da hat sich auch mein Sohn durchaus seinen eigenen Geschmack bewahrt. Obwohl all seine Kumpels deutschen Hip-Hop hören, gehören die White Stripes und AC/DC nach wie vor zu seinen Lieblingsbands. Es gibt also Hoffnung. Ach, und à propos Fidget Spinner: Der grüne war in der Dusche!

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