Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Warum seid ihr so neidisch, Mütter?

Hausfrau oder berufstätige Mutter? In der Schweiz ist das immer noch ein Glaubenskrieg. Familienbloggerin Sandra C. verlangt mehr Toleranz: «Frauen, hört auf, euch gegenseitig niederzumachen!»

Als Frau kannst dus eigentlich nur falsch machen. Hast und willst du keine Kinder, bist du egoistisch. Bist du Hausfrau und Mutter, bist du faul. Bist du berufstätige Mutter, vernachlässigst du deine Kinder. Und das Schlimmste an all dem: Es sind nicht die Männer, die so denken, sondern wir Frauen. Warum tun wir das? Was bringt es uns, andere Frauen zu verurteilen, weil sie ihr Leben anders gestalten als wir selbst?

Ganz ehrlich: Ich bewundere Frauen, die ihre Erfüllung zu Hause finden, die mit Leib und Seele Hausfrau und Mutter sind und diese Aufgabe lieben. Ich könnte das nicht. Wäre das mein Job, würde ich bereits in der Probezeit rausfliegen. Es gibt nicht viel, das ich mehr hasse als Putzen und Bügeln. Und meine Kinder einen Tag lang daheim zu unterhalten, finde ich um einiges anspruchsvoller, als einen schweigsamen Interviewpartner zum Reden zu kriegen. Trotzdem ist es immer etwas schwierig, wenn ich eine Vollblut-Mutter/Hausfrau kennen lerne. Irgendwie gehen beide Seiten sofort in die Defensive. Ich gehe davon aus, sie findet mich eine Rabenmutter, weil ich arbeite. Sie geht davon aus, ich finde sie ein faules Huscheli, weil sie Hausfrau ist. Warum? Weil wir beide entsprechende Erfahrungen gemacht haben. Eine Freundin, Hausfrau und Mutter von zwei Mädchen, hat mir kürzlich erzählt, sie habe sich mit einer ehemaligen Arbeitskollegin getroffen. Und immer wieder die Sätze gehört: «... aber den Stress hast du ja nicht mehr. Ich fände es auch manchmal schön, ein bisschen zu kochen, mit den Kindern zu spielen und sonst keine Verpflichtungen zu haben.» Wie kommt sie dazu? Wer ist sie, sich ein solches Urteil anzumassen?

Auch bei mir gibts einen Satz, den ich immer und immer wieder höre: «Vielleicht solltest du nicht so viel arbeiten...» Egal, ob mein Sohn in die Hose gepinkelt hat oder meiner Tochter das Kickboard geklaut wurde - gewisse Frauen scheinen zu denken, solche Dinge passieren nur Kindern von berufstätigen Frauen, weil sie vernachlässigt werden. Ich bin peinlich darauf bedacht, meine Kinder niemals warten zu lassen, wenn sie irgendwo abgeholt werden müssen. Einer Hausfrau verzeiht man eher mal, dass sie nicht rechtzeitig aus dem Haus kam, weil sie noch Windeln wechseln musste. Eine berufstätige Mutter, die noch im Stau steht, während ihr Kind auf sie warten muss - geht gar nicht! Meine Tochter war mal zum Mittagessen bei einer Freundin eingeladen. Als sie nach Hause kam, war sie ziemlich verwirrt. Die Eltern ihrer Freundin hatten ihr gesagt, sie sei ein armes Kind, weil ihre Mutter nie Zeit für sie habe.

Schlussendlich sind wir niemandem Rechenschaft schuldig dafür, wie wir unser Leben gestalten. Was uns andere Frauen abkanzeln lässt, ist nur eines: Neid. Purer Neid. Ja, auch ich würde manchmal gern morgens zum Kaffee mit einer Freundin, wenn ich das Bad fertig geputzt habe (wenn ich denn das nicht so furchtbar ungern machen würde). Und meine Freundin würde morgens auch einfach gern mal aus dem Haus und die schreienden Kinder hinter der geschlossenen Tür zurücklassen. Aber wir haben uns für das Leben entschieden, das wir führen. Die meisten von uns freiwillig. Wer sind wir, dass wir uns anmassen, über andere und ihr Leben zu urteilen?

«Findest du, ich habe zu wenig Zeit für dich?», fragte ich meine Tochter nachdem sie mir von dem Vorfall bei ihrer Freundin erzählt hatte. Sie überlegte eine Weile, und meinte dann: «Nein. Weisst du, ich bin ja auch sehr beschäftigt. Und dir wäre dann immer langweilig, wenn ich an einer Geburtstagsparty oder bei einer Freundin bin.» Seither bin ich ganz sicher: Trotz Job vernachlässige ich meine Kinder nicht - sondern sie mich! 

Weitere Blogs von Sandra C. gibts im SI-online-Dossier.