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Der ganz normale Wahnsinn

Was ich mir zum Muttertag wirklich wünsche

Es ist mal wieder Muttertag. Unsere Familienbloggerin ist kein grosser Fan davon. Nicht, weil sie nicht gern Blumen, Schoggi und Wertschätzung bekommt. Sondern weil die pure Existenz des Tages zeigt, dass von Müttern Unglaubliches erwartet wird.

Sandra Casalini Blog der ganz normale Wahnsinn

Zwar können Mütter heute Kinder und Karriere vereinen. Trotzdem werden Frauen immer noch in erster Linie über ihre Mutterrolle definiert, sagt unsere Familienbloggerin.

Lucia Hunziker

Ich sags ganz ehrlich so, wies ist: Ich mag den Muttertag nicht. Weil er genau das propagiert, womit ich als Mama am meisten hadere: die Stigmatisierung der Mutterrolle. Zuerst einmal finde ich, meine Kinder sind mir nicht zu Dank verpflichtet. Erstens habe ich mich für sie entschieden, und nicht umgekehrt, und zweitens sind meine Liebe und meine Fürsorge für sie bedingungslos. Womit wir beim Thema wären.

Bin ich bereit, zu verzichten?

Bedingungslose Mutterliebe bedeutet in unseren Köpfen Liebe, die bereit ist, jedes Opfer zu bringen, bis hin zur Selbstaufgabe. Das mag in einem grösseren Zusammenhang stimmen. Wenn es ganz allgemein um das Wohl meiner Kinder geht, sind sie für mich wichtiger als alles andere. Und für ihren Vater auch.

Womit wir schon wieder beim Thema wären: die Vaterrolle ist hiermit abgehakt. Ganz grundsätzlich sind die Kinder das Wichtigste im Leben, wie Mann das im Alltag handhabt, ist ihm überlassen. Opferbereitschaft und Selbstaufgabe sind dann ein Thema, wenn es nötig wäre, zum Beispiel wenn das Kind ernsthaft erkrankt. Die Mutterrolle hingegen sieht etwas anders aus. Wir fragen uns bereits wenns ums Thema Kinderwunsch geht: Bin ich bereit, zu verzichten? Beziehungsweise tun wir das schon viel früher.

«Was sagt das über uns als Gesellschaft aus, dass die Kinderfrage in den Köpfen pubertierender Mädchen bereits präsent ist, in denen von gleichaltrigen Jungs aber überhaupt nicht?»

Vor einiger Zeit war ich an einem Elternabend der Schule meiner Tochter. Die 16- und 17-Jährigen hatten die Aufgabe bekommen, folgende Frage zu beantworten: Wie stellt ihr euch euer Leben in 15 Jahren vor? JEDES EINZELNE MÄDCHEN beantwortete diese Frage irgendwie im Zusammenhang mit Kindern - sei es, dass sie (noch) keine wollten oder dass sie planten, Kinder und Karriere zu vereinen. Bei KEINEM EINZIGEN BUBEN spielten Kinder bei der Beantwortung dieser Frage eine Rolle. Was sagt das über uns als Gesellschaft aus, dass die Kinderfrage in den Köpfen pubertierender Mädchen bereits präsent ist, in denen von gleichaltrigen Jungs aber überhaupt nicht?

Ent-Stigmatisierung der Mutterrolle

Dass es in unserem Land um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht zum Besten steht, wissen wir. Und eigentlich wollte ich nicht politisch werden, aber ich tus jetzt trotzdem: Der in meinen Augen einzige Weg, dies zu ändern, wäre eine gerecht verteilte Elternzeit für Mütter und Väter. Der wichtigste Schritt dahin aber muss in unseren Köpfen passieren. Wir (und damit meine ich vor allem auch uns Mütter selbst) müssen aufhören, das Wort «Mutter» gleichzusetzen mit «Wesen, dem zwar mittlerweile erlaubt ist, im Alltag auch mal sein eigenes Ding zu machen, aber dabei jederzeit seine Kinder im Kopf zu haben, ihnen Priorität zuzugestehen, und immer bereit ist, auf alles zu verzichten». Wir müssen aufhören, Frauen - selbst dann, wenn sie keine Kinder haben oder wollen - in erster Linie über ihre (nicht vorhandene, künftige oder tatsächliche) Mutterrolle zu definieren. Genau das tun wir nämlich, wie man an jenem Elternabend unschwer erkennt.

Blumen und Schoggi und Wertschätzung in Ehren. Ich wünsche mir für die Generation meiner Tochter eine Ent-Stigmatisierung der Mutterrolle. Dann wäre der Muttertag in seiner heutigen Form nicht nötig.

Von Sandra C. am 7. Mai 2022 - 15:00 Uhr
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