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Der ganz normale Wahnsinn

«Weiss nöd»: Teenager und ihr Problem, Entscheide zu fällen

Es gibt einige Dinge, bei denen man als Eltern von Teenagern öfter mal das Gefühl hat, man habe wieder Kleinkinder zu Hause. Zum Beispiel müssen sie wieder ständig gefüttert werden und ihr Schlafrhythmus ist durcheinander. Und sie sind total damit überfordert, Entscheide zu fällen. Das ist auch für Eltern eine Herausforderung, sagt unsere Familienbloggerin.

Sandra Casalini, bei sich zu Hause in Thalwil, mit ihren Kindern Gian und Joya, am 04.12.2018, Foto Lucian Hunziker

Die Teenies einfach mal wursteln lassen – das ist nicht ganz so einfach, wie es sich anhört.

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Wer ein Kleinkind vor ein prall gefülltes Schuhgestell stellt, und von ihm erwartet, dass es sich für ein Paar Schuhe entscheidet, erntet wohl irgend etwas zwischen totaler Hilflosigkeit und einem Tobsuchtsanfall. Dass kleine Kinder überfordert sind, wenn sie sich aus zu vielen Möglichkeiten entscheiden sollen, steht wohl in jedem Erziehungsratgeber. Tatsächlich können Kinder zwar schon ab etwa 18 Monaten einfache Entscheide treffen und beginnen bereits zu verstehen, dass diese Konsequenzen haben können (Sandalen im Regen bedeuten nasse Füsse). Der Teil unseres Gehirns, der mitunter für die Entscheidungsfindung – laut Neurowissenschaft ein Mix aus intuitiven, emotionalen und logischen Prozessen – verantwortlich ist, ist aber erst mit Mitte zwanzig ganz ausgereift. Trotzdem: Je älter Kinder werden, desto höher ist erstens die rationale Fähigkeit, welche benötigt wird, um zu entscheiden, und zweitens haben sie mehr Erfahrungen gesammelt, was ebenfalls behilflich ist.

Der König des Nichtwissens

Warum ich euch das alles erzähle? Weil das mit dem Entscheiden eines der Dinge ist, bei denen ich öfter das Gefühl habe, ich habe wieder Kleinkinder zu Hause. Man hatte die letzten 53 Mal total Stress, als man erst am Abend vor der Prüfung mit Lernen anfing? Beim 54. Mal ists doch sicher anders. Der Töfflischlüssel hat nicht mehr funktioniert, nachdem er in der Hosentasche mitgewaschen wurde? Als ob das ein Grund wäre, die Hosentaschen zu leeren, bevor man die Hose in die Wäsche wirft.

«Weiss nöd» und «kei Ahnig» sind wohl zwei der meist gesprochenen Sätze meiner Teenies (wenn man dies denn als Sätze durchgehen lässt.) Vor allem mein Kind 2 ist der absolute König des Nichtwissens. Ein Restaurantbesuch mit ihm ist mühsamer als mit einem Primarschulkind. Abgesehen davon, dass es lesen in seiner Freizeit als absolute Zumutung empfindet, was auch für die Speisekarte gilt, ist es schon mit der kleinsten Auswahl total überfordert: Pizza oder Pasta? «Weiss nöd.»

«Dass man in dieser Zeit, in der im Hirn sozusagen kein Stein auf dem anderen bleibt, nicht immer so klar sieht, ist nachvollziehbar. Ausgerechnet in diesem Alter – beziehungsweise in diesem Zustand – müssen die Kids Entscheidungen treffen, die je nachdem weitreichende Konsequenzen haben können.»

Das Ganze ist gar nicht so erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der «Umbau» im Gehirn während der Pubertät ähnlich aktiv ist wie in der Kleinkind-Phase. 30’000 nicht gebrauchte Nervenverbindungen sterben pro Sekunde ab, die anderen Neuronen vernetzen sich dafür umso stärker. Dass man in dieser Zeit, in der im Hirn sozusagen kein Stein auf dem anderen bleibt, nicht immer so klar sieht, ist nachvollziehbar. Ausgerechnet in diesem Alter – beziehungsweise in diesem Zustand – müssen die Kids Entscheidungen treffen, die je nachdem weitreichende Konsequenzen haben können. Und ausgerechnet jetzt ist es für Eltern umso wichtiger, dass man sie diese Entscheide auch treffen und sie die Konsequenzen tragen lässt. Ich hätte nicht gedacht, was es für eine grosse Herausforderung das sein würde, das Kind zum Beispiel bei der Suche nach einem Praktikum einfach mal total ineffizient wursteln zu lassen. Nur im Restaurant erlaube ich mir derzeit, das Kind wieder wie ein Kleinkind zu behandeln und bestelle ihm einfach Spaghetti. Irgendwo hats ja auch Grenzen.

Von Sandra C. am 25. Juni 2022 - 18:09 Uhr
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