Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

«Du weisst ja gar nicht, wie gut du es hast!»

Nach einer Kuba-Reise macht sich Sandra C. Gedanken: Ein bisschen Demut würde ihren Kindern nicht schaden, findet die Familienbloggerin. Nur: Wie bringt man Kindern bei, dass unser Wohlstand nicht selbstverständlich ist?
Armut Demut Wohlstand Wohlfahrt in der Schweiz Luxus Kinder Erziehung
© Getty Images

«Du weisst gar nicht, wie gut du es hast» Wer hat den Satz als Kind nicht gehört...

Interessiert klickt sich mein Sohn durch meine Fotos aus Kubas Hauptstadt Havanna. «Also, in diesem verschrotteten Land würde ich nicht leben wollen», meint er, als er fertig ist. Ich habe mich während dieses beruflichen Trips ein paar Mal gefragt, ob ich mir private Ferien mit meinen Kindern dort vorstellen könnte. Ich selbst habe mich auf den ersten Blick in dieses Land verliebt, in die warmherzigen, fröhlichen Leute, die Originalität, die Kreativität, die Authentizität. Selbst der für unsere Verhältnisse nicht wirklich vorhandene Servicegedanke hat etwas für sich, ­ auch wenn zwei Stunden am Gepäckband warten nicht wirklich das ist, wovon man nach einem elfstündigen Flug träumt. Aber wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, dass halt nicht alles auf Knopfdruck funktioniert, hat das auch etwas Befreiendes.

Uns Erwachsenen ist selbstverständlich bewusst, wie privilegiert wir in unserem Land leben, ­ auch wenn sich einige von uns das etwas öfter vor Augen führen sollten (ich inklusive). Für meine Kinder ist unser Lebensstandard einfach normal. Und es ist eben auch normal, dass er für sie normal ist. Oder anders gesagt: Die Kinder können nichts dafür, dass sie so verwöhnt sind. (Ja, ich gebe zu: Meine Kinder sind ziemlich verwöhnt. Sie kriegen zwar nicht alles, was sie wollen, und müssen sich selbstverständlich an Regeln halten, aber wenn ichs mir recht überlege, werden doch sehr viele ihrer Wünsche erfüllt, ­ wenn auch nicht immer von mir.)

Dass es nichts bringt, den Kindern unter die Nase zu reiben, wie privilegiert sie doch sind, weiss ich aus eigener Erfahrung. Wie habe ich sie gehasst, die Sprüche meines Vaters: «Du weisst ja gar nicht, wie gut du es hast!» (Totale Ansichtssache...) und «Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie so etwas Feines zu essen kriegen würden!» (Oh, ja bitte, schafft das Zeugs nach Afrika, ich wär auch froh, wenn die dortigen Kinder das runterwürgen würden...)

Klar, haben meine Kinder auch schon Bettler auf der Strasse eines italienischen Feriendorfes gesehen oder Kinder, die in der Türkei barfuss und in zerrissenen Kleidern auf der Strasse spielten. Und natürlich habe ich die Gelgenheit ergriffen, ihnen zu sagen, dass nicht jeder Mensch auf dieser Welt in einem schönen Haus wohnt oder Ferien in einem anderen Land machen kann. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, das reicht nicht.

Vielleicht müsste ich meinen Kindern tatsächlich einmal kein Kinderprogramm bieten während der Ferien, sondern ihnen auch mal die «verschrotteten» Seiten eines Landes zeigen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, das ist gar nicht nötig. Kinder machen sich nämlich ihre eigenen Gedanken, und die sind meist sogar besser als die von uns Erwachsenen.

Übrigens hat mich mein Sohn diesbezüglich kürzlich ziemlich überrascht. Er fügt meinem Einkaufszettel mit schöner Regelmässigkeit Folgendes zu: «2 Frixion blau, 2 Frixion orange, 2 Frixion rot» oder welche Farben auch immer. Frixion sind spezielle Kugelschreiber, mit denen Primarschüler unbedingt ausgerüstet sein müssen, um mithalten zu können. Alles andere geht gar nicht. Und selbstverständlich kosten die Dinger ein Schweinegeld.

Irgendwann fragte ich dann doch mal nach, warum er die alle paar Wochen in doppelter Ausführung braucht. Nach einigem Herumgedruckse, gestand er, dass er einen davon jeweils seinem Banknachbarn gibt: «Weisst du, seine Eltern haben nicht so viel Geld und wollen ihm deshalb keine Frixion kaufen. Aber wenn er keine hat, lachen ihn die anderen aus.»

Wow, ­ mein Sohn hat also tatsächlich geschnallt, dass es auch in seinem nächsten Umfeld Kinder gibt, die nicht ganz so privilegiert sind wie er selbst. Und das ist ihm nicht egal! Auch wenn ich schlussendlich dafür zahle.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familien-Bloggerin Sandra C.