Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Mütter denken anders

Sandra C. ist beileibe keine dieser Mütter, die pausenlos über ihre Kinder spricht. Trotzdem kann sich auch die Familienbloggerin der Mami-Falle nicht entziehen, denn Mütter denken einfach anders als Kinderlose.
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© Getty Images

Wer länger als eine halbe Stunde mit Familienbloggerin Sandra C. verbringt, merkt unweigerlich, dass sie Mutter ist.

Kennt ihr den Film «Der ganz normale Wahnsinn - Working Mum», dem dieser Blog seinen Namen verdankt? Sarah Jessica Parker gibt darin eine Karrierefrau und zweifache Mutter zwischen Job und Familie. Und wenn ihr wissen wollt, wie mein Leben so aussieht, dann schaut euch diesen Film an. Ich fühle mich bei fast jeder Szene ertappt.

Als sie bei einer wichtigen Besprechung einen Nuggi statt eines Kugelschreibers aus der Handtasche zieht. Ist mir gefühlte hundert Mal passiert. Als sie den Kuchen fürs Büffet des Schulfestes vergisst, rasch einen kauft, Puderzucker drüberstreut und in Alufolie pappt, damit er selbst gebacken aussieht (ihr habt euch beim Anschauen gefragt, wer so was Unsinniges macht? Seit meinem vorletzten Blog wisst ihr die Antwort: Ich!). Als sie bei einem Essen ihrem Geschäftspartner gegenüber sitzt und immer wieder dessen Glas vom Tischrand wegschiebt. Ich hab schon jenste verwirrte, erstaunte oder amüsierte Blicke kassiert deswegen. Aber dieses «Glas muss weg vom Tischrand sonst passiert in den nächsten Minuten ein Unglück» ist unlöschbar in mir drin, egal wer mir gegenüber sitzt. 

Ich lege wirklich Wert darauf, Freundinnen, Kollegen oder wen auch immer nicht mit Geschichten über meine Kinder vollzusülzen. Ich würde zum Beispiel auch nie ungefragt Handy-Schnappschüsse von meinem Nachwuchs rumzeigen. Und trotzdem: Wer länger als eine halbe Stunde mit mir verbringt, muss merken, dass ich Mutter bin.

Wenn ich mit kinderlosen Freundinnen am Pool liege ist der Unterschied frappant: Sie brutzeln in der Sonne, lesen oder plaudern entspannt. Ich sehe mich alle paar Minuten nervös um und schrecke jedes Mal hoch, wenn irgendwo irgendwer «Mami» ruft - auch wenn mein Nachwuchs gar nicht anwesend ist! Während Kinderlose beim Wort «Bootsfahrt» an Spass und Entspannung denken, denke ich an panisches Rumgerenne. Während sich Kinderlose vor einem Flug fragen, wie sie wohl am besten drei Stunden schlafen können im Flieger, denke ich daran, wie ich wohl am besten drei Stunden lang zwei Kinder davon abhalte, Crew und restliche Passagiere wahnsinnig zu machen. Während für Kinderlose das Wort «Ausschlafen» wohl bedeutet, sich irgendwann um die Mittagsstunden aus den Decken zu schälen, bedeutet es für mich, um acht statt um sieben Uhr «Oooooovi!» ins Ohr geschreit zu kriegen. Und meine Arbeitskollegen fragen sich vermutlich schon lange, warum ich mir die Schoggi immer so heimlichtuerisch in den Mund schiebe und versuche, so zu tun, als hätte ich nichts zwischen den Zähnen. 

Neulich versuchte ich übrigens mal wieder, mit einer kinderlosen Freundin auf einen Kaffee abzumachen. Gar nicht so einfach - wobei ich ganz ehrlich sagen muss, dass meine Freundinnen ohne Kids oft beschäftigter sind als ich. Jedenfalls meinte sie nach einigem Hin und Her grosszügig, ich solle doch die Kinder mitnehmen. Und reagierte ganz erstaunt, als ich sagte, das würde ich sehr gern, dann träfen wir uns am besten bei McDonalds, dort sei die Chance am Grössten, ungestört fünf Sätze reden zu können. Wobei es auch mit diesen fünf Sätzen hapern könnte. Egal, worüber man redet, es ist nicht mehr das gleiche wie früher: Filme («Nein, ich habe weder «Grace of Monaco» noch «The Grand Budapest Hotel» gesehen, aber «Rio 2» fand ich sehr lustig.»), Bücher («Ja - der neue Jonas Jonasson. Der liegt seit ewig auf meinem Nachttisch. Aber wenn ich jeweils ein Kapitel aus dem «Kleinen Gespenst» vorgelesen habe, bin ich zu müde.») oder Musik («Wie heisst diese neue hippe Band, auf die du so stehst? Noch nie gehört. Dafür kann ich Ellie Gouldings «Börnbörnbörnbörn» und Katy Perrys «andiugonnahiaaarmirooooooooar» auswendig, vorwärts und rückwärts.»).

Wenn ihr mir also demnächst mal gegenübersitzt und ich verschiebe ständig euer Glas, lasse unauffällig euer Schöggeli zum Espresso verschwinden und schwärme von «Rio 2», seid nachsichtig, ich mach das nicht extra. Ich kann nicht anders.

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