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  4. Übergang ins Gymnasium – Lasst Kinder selber entscheiden!

Papablog von Nik Niethammer

Stress ums Gymi: Womit Eltern aufhören sollten

Sollen Eltern ihre Kinder zum Übergang ins Gymnasium pushen? Und was spricht eigentlich gegen die Sekundarschule? Nik Niethammer, Chefredaktor des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi erinnert sich an seine eigene Berufswahl und verrät, wie er dieses Thema mit seinen Kindern angeht.

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Kinder, die nicht selbstständig denken, wenig Eigeninitiative zeigen und bei der Ausdauer Probleme haben, sind vielleicht nicht die besten Kandidaten fürs Gymnasium.

Getty Images

Wenn ich meinen Eltern für eine Sache besonders dankbar bin, dann für ihre entspannte Haltung beim Thema Sek oder Gymi. Die Frage, was aus mir einmal werden sollte, war wie Stochern im Nebel. Als Kind – geprägt durch die Mondlandungen in den 60er Jahren – war Astronaut mein erster Berufswunsch. Später Seilläufer. Schliesslich Radprofi.

Meine Eltern blieben stets locker, wohl wissend, dass sich Berufswünsche gerade in der Pubertät laufend ändern können. Irgendwann wurde der Junior zum Berufsberater beordert. «Ich bin recht geschickt mit den Händen», antwortete ich auf die Frage, was ich besonders gut könne. «Und gerne an der frischen Luft.» Der Mann wedelte triumphierend mit einer Broschüre: «Dann wirst Du am besten Dachdecker.»

Kein Gymi, keine Uni – kein Problem

Der Rest ist schnell erzählt: Ich entschied mich für die Sek, besuchte später die Handelsmittelschule, absolvierte eine Banklehre – und wurde schliesslich Journalist. Bis heute habe ich keine Matura und kenne die Uni nur von öffentlichen Vorlesungen. Glauben Sie mir, ich habe mich deswegen keinen Tag schlecht gefühlt.

Unsere Gesellschaft gründet auf einem grossen Versprechen. Jeder kann alles erreichen. Viele Eltern versuchen nachzuhelfen, indem sie Tausende Franken für private Vorbereitungskurse ausgeben und ihre Kinder ins Gymnasium quälen. Die Folge: Familien im Ausnahmezustand. Ich weiss von Müttern, die ihre Arbeit reduziert haben, um mit dem Sohn für die Prüfung zu pauken. Und ich kenne Väter, die beim Thema Gymiprüfung laut aufstöhnen: «Es war die Hölle. Aber wir mussten da durch.»

Warum tut man seinen Kindern das an? Ist es die Sorge vieler Eltern, ihren Kindern könnte es einmal schlechter ergehen als ihnen selbst? Fürchten Mütter und Väter den sozialen Abstieg, wenn ihr Kind nur die Sekundarschule, das «Problemkinderghetto», schafft?

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Wenn ich gross bin, werde ich Astronaut: Der Traumberuf ändert sich bis ins Jugendalter mehrmals.

Getty Images

Ab ins Gymi, koste es was es wolle. Wer aber gehört in die Maturitätsschule? Und wer nicht? Die renommierte Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm sagt im aktuellen Interview: «Kinder, die entsprechende kognitive Fähigkeiten wie eine gute Auffassungsgabe, vor allem aber auch akademische Interessen mitbringen, sind Gymi-Kandidaten. Sie lernen gerne, habe Freude daran, sich hinzusetzen, sich in Inhalte zu vertiefen oder an einer Aufgabe zu knobeln.»

Für Stamm sind selbstständiges Denken, Eigeninitiative und Ausdauer wichtige überfachliche Kompetenzen, um an der Uni bestehen zu können. «Sinnvollerweise müsste sich die Schule stärker an solchen Voraussetzungen orientieren – und an Elterngesprächen früh thematisieren, inwiefern ein Kind sie mitbringt.»

«Wenn Du Waldarbeiter werden möchtest, dann wirst Du eben Waldarbeiter!»

Nik Niethammer zu seinem Sohn

Was haben Mark Zuckerberg, Adolf Ogi und Ringo Starr gemeinsam? Sie alle haben ihre beruflichen Erfolge ohne Studium erreicht. Ein besonders eindrückliches Beispiel auf der Liste der erfolgreichen Menschen ohne Matura ist für mich André Lüthi, CEO von Globetrotter. «Ich lernte Bäcker und führe heute ein Reiseunternehmen mit 430 Mitarbeitern. Weil jemand an mich glaubte, obwohl ich «nur» Bäcker war.» Lüthi hat einen Rat für alle Eltern parat: «Lasst eure Kinder frei entscheiden, ob sie eine Lehre oder die Matura machen wollen. Mit Glück und Willen kann in der Schweiz jeder erfolgreich sein – egal, welche Entscheidung er mit 15 trifft.»

Ich musste an André Lüthi denken, als mich unser Bub neulich fragte, ob es denn ok sei, wenn er später Waldarbeiter werde. Er fände es megacool, mit einem Holzvollernter im Wald herumzudüsen. Dann schaute er mich erwartungsvoll an. «Das ist ein wunderbarer aber auch sehr strenger Beruf», sagte ich. «Wenn Du Waldarbeiter werden möchtest, dann wirst Du eben Waldarbeiter!»

Das Strahlen in seinem Gesicht – das hätten Sie sehen sollen!

Für SI Family hat Papablogger Nik Niethammer auch über Schule und ein Notfallblatt für gestresste Eltern geschrieben. 

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ZVG

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi ist das meistgelesene Elternmagazin der Schweiz. Es wird seit 2001 von der gemeinnützigen Stiftung Elternsein herausgegeben. Das Magazin erscheint zehn Mal im Jahr. Die aktuelle Ausgabe (Nummer 11 vom November 2019) beschäftigt sich mit dem Thema Sek oder Gymi.

Auf www.fritzundfraenzi.ch sind auch frühere Dossiers einsehbar. Unter anderem zu den Themen Kiffen, Medienkonsum oder Hausaufgaben.

Von Nik Niethammer am 07.11.2019
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