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Peter Rothenbühler schreibt Claas Relotius

«Warum schreiben Sie nicht Romane?»

Peter Rothenbühler schreibt jede Woche Persönlichkeiten, die aufgefallen sind. Dieses Mal dem Journalisten Claas Relotius.

Claas Relotius

Frei erfunden: Echt waren beim deutschen Journalisten Claas Relotius nur die Fälschungen.

Keystone

Sie haben mit gefälschten Reportagen das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in eine schwere Krise gestürzt. Es war so, wie wenn der Louvre entdeckt, dass die «Mona Lisa» eine geniale Fälschung ist. Ihre Artikel wurden von vielen renommierten Blättern publiziert, auch in der Schweiz.

So müsste man schreiben können, haben die Leute in den Redaktionsstuben gedacht. Ihre Reportagen waren so raffiniert konstruiert, dass selbst das peinlich kontrollierende «Spiegel»-Archiv nix gemerkt hat.

Auch in den Medien treiben Fälscher ihr Unwesen

Nun wäre es völlig falsch, Ihre Betrügereien mit der Diskussion um Fake News oder Trumps «alternative facts» zu vermischen. Es ist nun mal so, dass von Zeit zu Zeit ein genialer Fälscher auch in den Medien sein Unwesen treibt. Da waren die gefälschten Hitler-Tagebücher im «Stern», an deren Echtheit die Chefs bis zuletzt geglaubt hatten, oder die erfundene Biografie von Howard Hughes, dem isoliert lebenden Flugpionier und Filmmogul, die dem «Life»-Magazin fast das Genick gebrochen hat. Auch hier waren alle von der Echtheit überzeugt.

Ich habe nur eine Frage an Sie: Warum schreiben Sie nicht Romane? Erfundene Storys, die so echt wirken, dass der Leser meint, er erfahre wahre Tatsachen? Diese Kunst beherrschen Sie ja bestens, wie Ihre Reportagen zeigen. Nun, der grosse Bilderfälscher Wolfgang Beltracchi ist heute, nach einem Zwischenspiel im Gefängnis, ein prominenter Maler, der viel Geld verdient. Dumm für Sie, dass die Medienwelt weniger gnädig ist als die Kunstwelt: Wer einmal Journalismus fälscht, ist definitiv weg vom Fenster – auch als Romanautor. Denke ich. Oder muss ich sagen, hoffe ich?

Freundliche Grüsse
Peter Rothenbühler

am 26.12.2018
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