Die Welt ist aus den Fugen

Vom Abgrund in die Hölle. Die Erdbeben-Katastrophe in Haiti erschüttert. Wir werden gebraucht!

Ist das Leben gerecht?

Als unerschütterliche Optimistin hoffe ich dies insgeheim immer wieder. Ich törichter Schöngeist!

Wer die erschütternden Berichte aus dem krisengeschüttelten Haiti liest, hört oder sieht, der muss sich eines Besseren belehren lassen. Menschen, die ohnehin nichts haben, wird noch der letzte mickrige Rest genommen.

Es ist Samstagabend. Ich moderiere die Vorabendsendung von DRS3, Karibik-Experte René Zeyer erklärt, warum Haiti am Abgrund stand noch vor dieser apokalyptischen Erdbeben-Katastrophe. Der haitische Innenminister befürchtet bis zu 200-tausend Todesopfer. Die Bilder, die uns erreichen, sind einfach nur grauenhaft. Ich stütze den Kopf in die Hände. Es ist mir elend zumute. 

Nach der Radiosendung, in der Kälte stehend, tausend Gedanken. Sie lassen mich nicht los, jagen durch meinen Kopf, den ganzen Weg vom Studio bis in die warme Stube von Freunden.

Vier Journalisten am Tisch. Die Diskussion über Sinn und Unsinn im Leben wird eine abendfüllende. 

«Vielleicht ist es naiv zu fragen, aber warum muss es zu einer solchen Katastrophe kommen, damit Gelder in Millionenhöhe nach Haiti fliessen?»

«Wir haben bange Stunden gewartet, gezittert, gehofft, die Nerven verloren. Bis wir endlich Klarheit hatten, dass die Patin unserer Tochter lebt. Sie arbeitet für die UN in Port-au Prince. Unzählige Male haben wir sie auf dem Handy zu erreichen versucht. Nichts. Erst nach mehreren Stunden ein E-Mail-Einzeiler: Ich lebe. Und jetzt, wo wir wissen, dass sie in Sicherheit ist, will sie nicht nach Hause kommen, weg aus dieser Hölle. Die Angehörigen können das nicht verstehen, sie wollen sie zurück. Aber sie kommt nicht her, sie bleibt, will helfen, sie fühlt sich verpflichtet. Weil es viele ihrer Arbeitskollegen nicht geschafft haben. Wenn ich dies höre, empfinde ich grossen Respekt und Demut. Warum sind wir nicht alle so?»

«Ist es dekadent, wenn Journalisten vor Ort ihre Kameras auf das Elend richten? Oder brauchen wir diese Bilder, damit wir aufgerüttelt werden und auch wirklich helfen?» Irgendwann wird über Zufall diskutiert. Oder ist es Schicksal? Keiner weiss es, aber alle haben eine Meinung.

«Existiert ein Mensch, der niemand hat, der ihn gern hat? Ich meine: überlegt doch mal! Da liegt ein Mensch unter Trümmern, er wird von niemandem gesucht oder vermisst. Man wird nie wissen, wer er war. Vielleicht war er nie registriert und so hat er auf gewisse Weise nicht existiert.»

«Spannender Ansatz. Ich war kürzlich auf einer Reise. Sass im Flugzeug, schaute aus dem Fenster. Und dachte plötzlich: Was wäre, wenn ich nicht mehr nach Hause zurückkehren würde? Klar, Familie und Freunde würden es vielleicht bedauern, aber sie könnten mich ja besuchen kommen. Mir wurde plötzlich bewusst: Es gibt niemand, der von mir ERWARTET, dass ich zurückkomme, ausser mein kleiner Sohn. Mein kleiner Sohn will, dass ich in ein paar Tagen wieder zurück bin. Das trieb mit die Tränen in die Augen. Unterstreicht es nicht auf gewisse Weise deine Existenz-These?»

«Nun, dieser philosophische Ansatz bringt uns nicht weiter. Ich finde, wir sollten vielmehr auch darauf achten, unseren Kindern Geschichten zu erzählen von gleichaltrigen Kindern in solchen Ländern. Ich fotografiere ja seit einigen Jahren auf meinen Reportage-Reisen Kinder in Krisengebieten. Warum nicht mit diesen Fotos, ihren Erzählungen und einer Weltkarte in Schulen zeigen, dass es eine andere Realität gibt als die unsere heile?»

«Unbedingt! Tolle Idee.  Sagt, habt ihr nicht auch eure Mühe, wenn ihr vom Weltgeschehen erzählt und Junior schaut gelangweilt aus dem Fenster?»

«Was wäre, wenn uns das hier passiert wäre? Menschen, die man geliebt hat, sind tot. Wir sollten uns alle bewusster Sorge tragen. Es kann sich alles so schnell ändern.»

Es war ein spannender Abend. Einer, der von niemandem zu einem Ende gebracht werden wollte. Am Sonntag – noch im Gedanken-Cocoon – freute ich mich sehr zu lesen, dass Menschen wie Roger Federer ihre Popularität nutzen, um Gutes zu tun und mit einem spontanen Tennis-Turnier Geld für Haiti «einzuspielen».

Helfen auch wir! An diesem Donnerstag (21. Januar) organisiert die Glückskette einen nationalen Spendentag. Wir werden gebraucht.