Eat Pay Live

Achtung, fertig, networken!

Expats und Möchtegerns haben hier in Bangkok eine Lieblingsbeschäftigung: Sie treffen sich in chicen Hotels, um «Kontakte zu pflegen» - After-Work-Zeug halt. Lanz macht mit und beneidet am Ende ein einsames Stück Rind.

«Thirsty Thursday» heisst die Party zu der Travel Daily Media einmal im Monat lädt. Und da alle diese Worte irgendwie auf mich zutreffen, melde ich mich an für die Party, die freie Getränke (bis 21 Uhr), Essen und tolle Preise verspricht. Die Kulisse ist atemberaubend, die Terrasse des Sheraton Hotels am Chao Phraya schimmert in der Dämmerung, irgendwo trällert eine Dame einen Norah-Jones-Klassiker. Ja, das wird gut, denke ich mir, nippe an meinem Wodka Tonic und vergesse fast, warum ich eigentlich hier bin. Dabei hat es mir mein Kollege doch mantramässig eingetrichtert: «Mir tüend networke.» Ah, ja, genau, networken tun wir. Doch erstmals in meinem Leben fühle ich mich etwas überfordert vom Kontakt mit fremden Menschen. Und zwar deshalb:

Erster Kontakt: Mimi, sie arbeitet für ein Magazin
Sie (schaut auf meinen leeren Teller): «Hallo, ich bin Mimi, was hast du gegessen?»
Ich: «Hallo, ich bin Barbara, ich hatte verschiedenes.»
Sie: «Was denn?»
Ich: «Ähm, also, Sushi?»
Sie: «Ah ja, du hast Sojasauce dazu genommen, nicht wahr?»
Ich: «Jaaaa?»
Sie: «Was wirst du noch essen?»
Ich: «Ähm, keine Ahnung. Was arbeitest du denn eigentlich?»
Sie (steht auf): «Magazin. Assistentin. Hier ist meine Karte. Du solltest die Frühlingsrollen nehmen.»

Zweiter Kontakt: Martin, er macht irgendwas
Er: «Hallo, ich bin Martin, ich arbeite, hier ist meine Karte, kann ich deine haben?»
Ich: «Hallo, ja, hier, ich bin Barbara, ich bin Journalistin.»
Er: «Sarah?»
Ich: «Nein, Barbara.»
Er: «Was?»
Ich: «Barbara.»
Er: «Ah, ja. Was arbeitest du?»
Ich: «Ich bin Journalistin.»
Er: «Was?»
Ich: «Ich muss mal die Frühlingsrollen probieren, du entschuldigst?»

Dritter Kontakt: David, er ist Lehrer und kichert gern
Er: «Hi, ich bin David, ich bin Lehrer. Ich gehöre hier eigentlich gar nicht hin, aber ich komme immer an Anlässe, an denen es Gratis-Drinks gibt. Ich arbeite an der Uni hier, bin ursprünglich aus Australien. Oh, ich finde dieses Light-Bier ja grauenhaft. Was trinkst du? Wodka Tonic? Ich brauch auch so einen. Kennst du Mimi schon?»
Mimi: «Hast du die Frühlingsrollen probiert?»
Ich: «Das werde ich gleich jetzt tun.»

Vierter Kontakt: Olga, sie arbeitet für eine Hotelkette
Sie (hält mir ihre Karte hin): «Hallo, ich bin Olga aus Seattle, ich arbeite für eine Hotelkette. Und du?»
Ich (gebe ihr meine Karte): «Ich bin Barbara, ich bin Journalistin.»
Sie: «Oh, du bist aus Tschechien!»
Ich: «Nein, ich bin Schweizerin.»
Sie: «Aaaaah, ja, das gehörte doch mal zusammen?»
Ich (lache verlegen): «Nun, nicht ganz, aber es ist beides in Europa.»
Sie: «Ich lieeeebe Europa. Falls du mal ein Hotel brauchst, ich geb dir ein günstiges Zimmer.»
Ich: «Danke, falls du mal Infos über Europa brauchst, ich schreib dir gerne was.»
Sie: «Warum sollte ich das brauchen?»
Ich (lache wieder verlegen): «Ach, nur so. Hey, hast du die Frühlingsrollen schon probiert?»

Fünfter bis zehnter Kontakt: viele Asiaten, die auch arbeiten, bewerfen mich förmlich mit ihren Karten und wollen Fotos machen.

Einer: «Du bringst Glück!»
Ich: «Warum?»
Er: «Du machst die Lotterie.»
Ich: «Oh nein, ich bin nur Gast hier.»
Er: «Oh, ah, oh, hey, komm, wir machen noch ein Foto.»

Elfter Kontakt: Candy, sie ist Assistentin
Sie: «Hallo, ich bin Candy, bist du Deutsche?»
Ich: «Hallo, ich bin Barbara, nein, ich bin Schweizerin.»
Sie: «Aber du sprichst deutsch.»
Ich: «Ja.»
Sie: «Ich kann zählen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10.»
Ich: «Wow, sehr gut.»
Sie: «Meine deutschen Freunde haben mir auch Sätze gelernt: Mich juckt es am Arsch. Kannst du mal kratzen?»
Ich: «Aaaaha, weisst du, was das heisst?»
Sie kichert und läuft davon.

Am Ende dieses Abends, also nach zweieinhalb Stunden, habe ich 24 Visitenkarten von Menschen, mit denen ich kaum mehr als 2 Minuten gesprochen habe:

Ich habe schamlos gelogen. Mehrmals:

  • David will das Networking plötzlich intensivieren, bei mir zu Hause! Er gab erst auf, als ich ihm sagte, ich hätte mich gerade übergeben müssen...wahrscheinlich wegen der Frühlingsrollen. 
     
  • Einer grässlichen Frau in einem grässlichen Kleid, die mir mit grässlicher Stimme «Honeeeey, lass uns quatschen» zugerufen hat, habe ich auf Französisch gesagt, dass ich kein Englisch spreche.
     
  • Einem Inder, der mir beim Hallo schon einen Job in seinem Hotel angeboten hat, habe ich gesagt, das sei grad schlecht, da ich schon mein eigenes Hotel zu führen hätte.

Ich habe – aus Protest – keine einzige Frühlingsrolle gegessen, dafür umso mehr Zeit vor einem einsamen Rindsfilet verbracht und mir gewünscht, ich könnte es nicht nur essen sondern seinen Platz einnehmen (siehe Bild).

Ich habe einen Rekord im Wodka-Tonic-Trinken aufgestellt. Nicht, weil er so gut war, sondern weil er mir nach einer Weile als bessere «Ich muss weg»-Entschuldigung erschien als die Frühlingsrollen.

Ich habe keinen Preis gewonnen. Und keine Visitenkarten mehr.