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Bin ich denn nie zufrieden?

Nach einem Monat Heimaturlaub, gehts demnächst zurück in die andere Heimat, nach Bangkok. Wie 30 Tage Schweiz dazu führen können, eine über fast 30 Jahre gebildete Meinung infrage zu stellen, oder: DSchwiiz isch ebe doch mini Schwiiz.

«Frauen motzen glaubs einfach generell gern», sagt ein Kollege diese Woche zu mir, als ich mich grad darüber aufrege, dass ich lange Hosen trage (weil der Wetterbericht «kühl» hatte) und es plötzlich doch gefühlte 30 Grad hat. Letzte Woche hätte ich mich – Flip-Flop-tragend – aufgeregt, dass es viel zu kalt sei für Juli, erinnert er mich. Und die Woche davor habe ich mich anscheinend darüber beschwert, dass ich an den wenigen schönen Tagen ins Büro musste. Als wäre es nicht genug der Hinweise, setzt der nette Herr noch einen drauf: «In Bangkok kann man es dir scheinbar auch nicht recht machen, wenn ich mir deine letzten Mails so ansehe», meint er. Auch da sei das Wetter mein Hauptanliegen (zu heiss), mir fehlten die Würste, die Leute seien zu langsam und sowieso. Und dann kommt der Todesstoss: «Barbara, bist du denn jemals zufrieden?»

Mit einem «Männer müssen scheinbar immer pauschalisieren» verlasse ich den Kollegen und weiss gleichzeitig, dass seine Diagnose wohl so falsch gar nicht ist. Ja, ich motze öfter als ich zufrieden bin. Aber meinen tu ich es ja selten so, bin schliesslich eine Frau. Und Schweizerin. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Ich glaube nämlich – nach einigen Monaten in Thailand und einem Monat zurück in der Heimat – dass wir Schweizer einfach grundsätzlich gerne motzen. Die Wetterdiskussion lasse ich jetzt grad mal grosszügig weg (auch wenn es jetzt wieder vieeel zu heiss ist, nachdem es vieeeel zu kalt war). Ich frage mich also, worüber ich in den letzten 30 Tagen denn so geschäumt habe und kann eine beachtliche Liste erstellen:

ZÜRICH
Diese Stadt ist so oberflächlich; es gibt zu viele schöne Menschen hier; in der Badi Enge hats einfach nie Platz und das für 7 Stutz Eintritt; der See ist doof; was? 16 Franken für einen Prosecco mit Holundersirup, ihr seid nicht ganz normal!; die Sorry-wir-haben-nur-Fläschli-Bier-Nummer geht ja gar nicht; die eine-Stange-für-5.50-Nummer übrigens auch nicht; Rundfunk.fm ist ja auch jedes Jahr das gleiche; das Xenix-Chies wird ja immer alternativer; was, du gehst aufs Chies? Wir sind jetzt bei Gerolds; Taxifahren treibt einen in den Ruin; es ist nicht cool grundsätzlich 15 Minuten zu spät zu kommen, es ist ganz einfach unanständig; es ist auch nicht cool, 15 Minuten zu spät zu kommen und 10 Minuten vorher eine SMS zu schicken; warum soll ich bitte immer 4 Wochen im Voraus reservieren, wenn dann doch die Hälfte des Lokals frei ist?; Bist du aus St. Gallen? Nein!; Was, du trinkst Feldschlösschen? Ja!; sorry, aber du waisch aifach nöd wiäs lauft...
 
SCHAFFHAUSEN
Diese Stadt schläft; es gibt zu wenig schöne Menschen hier; auf dem Rhein hats zu viele Boote; wie, es gibt kein Falken-Bier?; selbst am Donnerstagabend kann man nicht mehr unter Erwachsenen sein; die Cuba-Club-Tabacco-Kammgarn-Tour ist öde; die komm-wir-gehen-in-den-Güterhof-Tour noch viel öder; ist das hier Tschernobyl? Ah nein, es ist Sonntag; komm, wir bleiben in Schaffhausen, Züri ist so doof ist kein Argument; komm, wir laufen heim, das Taxi ist zu teuer übrigens auch nicht; nur alle Stunde ein Schnellzug nach Zürich ist zu wenig; Nachtzüge gehen noch viel weniger; diese Pflastersteine überall verunmöglichen das High-Heels-Tragen; sorry, du bisch eifach ke rechti Schaffhuseri...

SCHWEIZ
Warum haben alte Menschen grundsätzlich Vortritt beim Anstehen?; Anstehen können wir ja gar nicht; hey, wenn ich nicht aussteigen kann, kannst du imfall auch nicht einsteigen; Wohnwände waren noch nie schön, auch nicht in den 70ern; Glastische auch nicht; nein, ich möchte meinen Salat nicht nach dem Essen essen; lasst mich doch, ich will nicht über Politik diskutieren; noch eine was-häsch-denn-du-studiert-Frage und ich schlafe ein; ach, könnte man doch nur alle Berge im Land gegen ein Meer tauschen; Bern mag Züri nicht, Züri mag den Aargau nicht, die Romands mögen die Deutschschweizer nicht, die Deutschschweizer sind neidisch auf die Bündner, die Tessiner sind ja eigentlich Italiener, die Schaffhauser wären die besseren Deutschen, jesses, es hört gar nicht mehr auf...

Jetzt steht er also da, mein ganzer Groll und löst sich exakt mit dem letzten Punkt in Luft auf. War in den letzten Wochen schliesslich sowohl auf dem Chies und bei Gerolds in Zürich als auch in der Kammgarn in Schaffhausen. Und ich fands toll. Genau wie ich auch Bern gemocht habe und mir bei einer Politik-Diskussion fast einen Wolf geredet habe. Ach und das Anstehen ist ja im Vergleich mit den Wartezeiten in Bangkok nicht mal erwähnenswert. Und das Wetter? Hey, ich konnte meine halbe Sommerschuhkollektion UND meine halbe Winterschuhkollektion tragen in den letzten 30 Tagen.

Es bleibt also eigentlich nur ein Schluss zu diesem ganzen Gemotze: Barbara ist wohl wirklich nie zufrieden. Und geht deshalb pünktlich zum 1. August zurück nach Thailand – um den Nationalfeiertag mit Auslandschweizern zu feiern. Mit denen kann ich dann wunderbar über Thailand ablästern. Oder über die Schweiz. Meinen tu ich es aber ganz bestimmt nicht so. Wirklich.