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Desperate Housewife in K.L.

Nach einem glatten Nationalfeiertag in Bangkok verreist Lanz schon wieder. Es geht nach Kuala Lumpur zu Freunden. Wo sich herausstellt: Amerikanische TV-Serien lügen und das Leben als Grossstädter kann ganz schön langweilig sein.

Schön wars, in der Schweizer Botschaft am 1. August eine Bratwurst (und ungefähr 4 übrige Cervelats) zu essen. Schön wars, danach mit Hackbrettler Nicolas Senn, seiner Familie und Freunden in der Rooftop Bar einen Absacker zu nehmen, ja, schön wars, wieder zu Hause in Bangkok zu sein. Für genau einen Tag. Eindrücklich beweise ich mir mal wieder selber, dass ich nicht zum Planen geboren bin. Oder hätte ich sonst eine Reise schon vor Wochen gebucht? Um von Zürich nach Bangkok zu fliegen, kurz zu waschen und danach wieder abzuhauen? Natürlich nicht, aber eben, ich habs getan und so heisst es: Auf nach Kuala Lumpur, Freunde besuchen.

Via Facebook-Message werde ich instruiert, was ich dem Taxifahrer zu sagen habe. Blablabla, Damansara, blablabla. Und dann bin ich da, irgendwo im Nirgendwo von Kuala Lumpur. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich noch nie in Malaysia war und mich – hab ja Freunde da – auch null über das Land oder K.L. informiert habe. Als ich in die Wohnstrasse einbiege hab ich trotzdem ein unglaublich vertrautes Gefühl. Ein Gefühl wie früher vor dem TV - und spätestens in der Einfahrt zum gesuchten Gebäude bin ich mir sicher: Das ist «Melrose Place»! Mit allem drum und dran. Braune Häuschen um einen Pool, ja, sogar die Wohnung sieht aus wie in der Serie. «Welcome home», werde ich begrüsst. Meine Freunde, zwei Männer und eine Frau, , wohnen hier in einer WG und ich bin ab sofort Teil davon. Und zwar so richtig. Schnell ist klar, hier ist nix mit Ferienprogramm à la Sightseeing - «it takes forever to get to the center» - oder mit lässigen Nachmittagen am Pool - «gotta work» - und schon gar nix mit der grossen Hurra-wir-sehen-uns-endlich-wieder-Party - «Barb, it’s Ramadan».

Da sitze ich also, Kuala Lumpur zum Greifen nahe (10 Kilometer zum Zentrum) und scheinbar doch zu weit weg, um einfach mal schnell auf Tour zu gehen (Fahrtdauer für die 10 Kilometer: ca. 60 Minuten). So denke ich mir: Hey, lass uns mal schauen, wie es ist, sich als ahnungsloser Gast nur in den Suburbs einer Grossstadt zu bewegen. Ein Tagebuch:

Freitag: Liebes Tagebuch, habe heute gelernt, dass wir hier ausserhalb der Stadt Suburbanites heissen und dass es hier billiger ist, fünf Bier auf einmal zu kaufen, als eins nach dem anderen. Meine WG-Gspänli und ich sind in einer Bar voller Chinesen und um 22 Uhr gehen die Lichter aus. Im Taxi, für welches ich übrigens nie nie nie mehr als 10 Ringgit zahlen soll, muss ich meine Tasche immer in der Mitte behalten, Strassendiebe seien hier grad total angesagt. Schön, dass ich auch mal wieder erlebe, wie es ist, vor Mitternacht ins Bett zu gehen. Komisch.

Samstag: Liebes Tagebuch, die Suburbanites treffen sich heute in der «Kurve», einem Shoppingcenter, auf ein Bier. Da bleiben sie dann, tratschen, schauen Olympiade, bevor sie müde nach Hause schleichen (per Taxi natürlich wieder, ÖV scheint in diesem Gebiet inexistent). Die Strassen sind leer, die Häuser dunkel. Ich frage mich, wo alle Menschen sind. Vielleicht treffe ich ja morgen jemanden.

Sonntag: Liebes Tagebuch, heute bleiben wir zu Hause. Ausschlafen ja, Frühstück nein. Man hängt, schaut TV, bestellt was von McDonald’s, hängt, wird mir erklärt. Es scheint, als laufe das hier ziemlich ähnlich wie an einem trägen Wintersonntag in der Schweiz. Man geht vielleicht noch rasch zum 24-Stunden-Shop an der Ecke um Chips und Zigaretten zu holen (aber nicht alleine. Auch das wird mir gesagt). Irgendwie ist es wirklich total unspektakulär hier, aber wer weiss, vielleicht wird es ja morgen spannender.

Montag: Liebes Tagebuch, die Suburbanites verlassen die Wohnung gestaffelt – um zur Arbeit zu gehen. Ich bleibe zu Hause. Ich dusche, lese, wasche ab, drehe eine Runde um den Pool, lese, gehe in den kleinen Shop an der Ecke (nachdem ich den Doorman davon überzeugt habe, es wirklich zu schaffen), rauche, warte. Am Abend gehen wir Essen – in die «Kurve». Die einzigen Menschen ausser uns sind ungefähr 100 iranische Männer, die hier arbeiten. Fazit: So langsam könnte mal was passieren hier in Damansara!

Dienstag: Liebes Tagebuch, die Suburbanites verlassen die Wohnung gestaffelt – um zur Arbeit zu gehen. Ich verlasse die Wohnung ebenfalls und gehe in die «Kurve». Um einzukaufen. Putzmittel, WC-Papier, Essen. Dann trinke ich einen Kaffee, schaue den Leuten zu und gehe wieder Heim. Um zu kochen. Ich lerne, Shepherd’s Pie zuzubereiten (Hackfleisch mit Härdöpfelstock...im Ofen!), esse brav meine Bohnen und wasche wieder ab. Habe «Newsroom» entdeckt und geniesse meine Zeit vor dem TV. Ach und: Aircon ist toll, viel toller als Menschen.

Mittwoch: Liebes Tagebuch, die Suburbanites verlassen die Wohnung gestaffelt – um zur Arbeit zu gehen. Ich dusche, verlasse die Wohnung ebenfalls und gehe: ins 1 Utama, das grösste Einkaufszentrum Südostasiens (welches glücklicherweise im erlaubten 10 Ringgit-Taxipreis-Radius liegt). Hier muss jetzt aber mal richtig die Post abgehen, hier gibt es schliesslich eine Glattzentrum-Müsliburg im Star-Trek-Stil, eine Bowling-Halle, einen Baseball-Abschlag-Platz – und einen Regenwald. Da finde ich mich dann auch irgendwann, ist in echt echt schöner. Und eigentlich habe ich nur einen Supermarkt gesucht, um Zutaten für meine Lasagne einzukaufen. Nach Stunden im Zentrum finde ich den Ausgang aus dem Labyrinth, verfahre mich mit dem Taxi und lande total am Ende im Melrose Place. Um zu kochen. Habe ich gestern erwähnt, dass ich meine Zeit vor dem TV geniesse? Seit ich die Guetzli aus dem 24-Stunden-Shop entdeckt habe, geniesse ich es noch viel mehr.

Donnerstag: Liebes Tagebuch, jaja, sie haben die Wohnung verlassen. Mag nicht duschen, wofür auch? Ich bin wieder Hausfrau. Verzweifelte Hausfrau. Alleine mit der Frage: Was soll ich denn nur kochen heute Abend? Und wie um Himmels Willen soll ich mir die Lebensmittel beschaffen? «Newsroom» ist fertig, bin traurig und sinniere über amerikanische TV-Serien. Was fand ich an «Melrose Place» noch mal so cool? Und warum «Desperate Housewives»? Da gibt es ja mehr als nur eine Person, die mitspielt, völlig unrealistisch. Lasagne war übrigens gut. Hab zum Glück grad zwei gemacht, dann wärme ich heute einfach eine auf.

Hier endet mein Tagebuch. Und mein Experiment. Morgen werden die Suburbanites wieder die Wohnung verlassen. Genau wie ich. Nur nehme ich mir – egal was es kostet – dann ein Taxi in die Stadt, um einfach nur das zu sein, was ich eigentlich bin: TOURIST! Das habe ich mir ganz fest vorgenommen...