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Diskutieren mit Lanz und Lanz

Der Vater von Bloggerin Barbara Lanz ist im Land und weiss - wie angekündigt - selbst hier alles besser als die Tochter. Lanz und Lanz in Bangkok oder: ein Mann, tausend Worte.

Ich habe es geahnt. Vater Lanz ist in Bangkok gelandet und bringt mich innert kürzester Zeit auf die Palme. Alleine lassen kann ich ihn aber nicht, denn in dieser Stadt geht einer wie er ganz schnell verloren. Ihr könnt euch das nicht vorstellen? Nun, dann verinnerlicht folgende Dialoge:

Im Tempel
Wat Saket gehört zu den wohl bekanntesten Tempelanlagen Bangkoks und die goldene Chedi, die über 318 Stufen erreichbar ist, sollte jeden Touristen faszinieren. Sollte. Vater findet das Hindu-Zeug (er meint, man dürfe da jetzt nicht so pingelig sein wegen Buddhismus und Hinduismus) zwar spannend, richtig eingenommen ist er aber von Flora und Fauna rund um die Anlage. Und während die anderen Besucher sich dem Fotografieren der Architektur widmen, führen die Lanzens folgendes Gespräch:  

Vater: «Hörst du den Vogel?»
Ich: «Ja, den höre ich regelmässig.»
Vater: «Das ist der schwarzgefleckte Tukan.»
Ich: «Kaum, den hast du jetzt erfunden.»
Vater: «Neeeeein, sieh doch, da ist er, schwarz mit weissen Flecken.»
Ich: «Ich dachte, er sei schwarzgefleckt?»
Vater: «Ja, eben, weiss mit schwarzen Flecken.»
Ich: «Aber du sagtest schwarz mit weissen Flecken.»
Vater: «Paperlapapp, ich weiss wohl am besten, was ich gesagt habe.»

Weil der Mann merkt, dass er mich mit seinem Ornithologentum wahnsinnig macht, zelebriert er es fortan exzessiv. Er berichtet von einem Morsevogel namens Morsus Pictor, einem grünschnabligen Regenpfeiffer (er habe ihm verraten, dass gegen Abend ein Gewitter komme) und vom gelbgefiederten Königsfalter, der zwar ein Schmetterling sei, aber trotzdem zur Gruppe der Fledermäuse gehöre. Ich bin froh, versteht uns keiner, und er findet am Ende dann auch noch ein Wort zum Wat - «da Tat isch etz würkli schö gsi».

Im Taxi
Taxifahren in Bangkok kann schnell zur Geduldsprobe werden. Einmal im Stau, werden aus 15 Minuten Fahrzeit locker 90 Minuten. Für solche Fälle habe ich stets ein Buch dabei. Und Musik. Sie übertönt das Thai-Radio, nicht aber Vater, wie ich jetzt weiss. Mein Meditationsversuch zu The xx wird gestört von folgendem Monolog:

Vater:
«Schau mal, das sind parkierte Autos.»
«Schau, der Pattaya Plaza. Das ist jetzt aber nicht schon Pattaya oder? Nein, das ist ja Hong..äh, Bangkok.»
«Eine Busstation!!!»
«Ruth, schau, das ist jetzt ein grosses Einkaufszentrum. Und das da auch. Oder ein Hotel? Barbara? Barbara? Die hört nichts, es ist ein Einkaufszentrum.»
«Ou, die haben richtige Bahnschienen.»
«Da waren wir schon mal. Jetzt könnte ich also bald selber fahren.»
«Diese Lastwagen fahren mit Gas, gäll Barbara. Barbara?»
«This is the Ministry of Youth.»
«Läck, dieses Hochhaus, Ruth, das siehst du jetzt nicht, das ist zu hoch.»
«Jetzt sind wir wieder da, wo wir schon mal waren (Barbara in Gedanken: waren wir nicht).»
«Barbara? Barbara? Darf ich mich im Taxi bewegen?»

Beim Fotografieren
Der Sonnenuntergang mit Sicht auf Wat Arun hat noch jeden Bangkok-Besucher in seinen Bann gezogen. Sogar Vater packt die Kamera aus und fotografiert. Und fotografiert. Und fotografiert. Ich wundere mich und sehe mir an, was er bis jetzt alles so festgehalten hat. Und sehe: viel Schwarz, fremde Menschen, halbe Schiffe, meinen Hintern, Ruths Hinterkopf, Steckdosen...

Ich: «Papi, was hast du denn da für Zeug fotografiert?»
Vater: «Hä, die Schiffe denk, die sind der Wahnsinn.»
Ich: «Aber die sind ja nur halb drauf.»
Vater: «Jaaa, da geht eben was mit dem Blitz nicht recht.»
Ich: «Und warum sind da immer irgendwelche Menschen im Bild?»
Vater: «Hä, diese Frau da hat so eine schöne Bluse an, die passt doch super zum Sonnenuntergang. Das finde ich jetzt richtig schön.»
Ich: «Und mein Hintern?»
Vater: «Das sieht doch sauglatt aus, wie du den Sonnenuntergang fotografierst.»
Ich: «Mhm, aber vielleicht hättest du den Zoom rausnehmen sollen. Man sieht nur den Hintern.»
Vater: «Ah wa.»
Ich: «Doch. Und Ruth hast du auch nur von hinten fotografiert.»
Vater: «Aber hast du die Steckdosen gesehen???»

So ist es also. Die ganze Zeit. Deshalb verzichte ich auch auf den Hinweis, dass bei der Hälfte der Bilder sein Finger das Sujet verdeckt (siehe Bildergalerie). Er würde sagen, das sei Kunst. Faktentreue ist ein Fremdwort für meinen Vater. Dafür beherrscht er das Behaupten wie kein anderer. Ja, er ist wirklich ein komischer Kauz, dieser Mann. Aber ich muss auch zugeben, dass er mit seinen 67 Jahren eigentlich jedes Recht hat, ein bisschen kauzig zu sein. Nein, mehr noch. Eigentlich ist er ein cooler Kauz. Einer, der sich mit seinen massgeschneiderten Hosen auf das Plastikstühlchen in der Strassenküche setzt und alles isst, was ihm vorgesetzt wird. Einer, der sich für alles Fremde und Unbekannte interessiert - sei es eine schlecht isolierte Steckdose. Einer, der 9000 Kilometer fliegt, um seine Tochter zu sehen und halt eben genau weiss, welche Knöpfe er drücken muss, um diese so richtig zur Weissglut zu treiben.

Trotzdem bin ich froh, dass ich die beiden jetzt auf die Insel verfrachtet habe. Ich muss mich ab sofort nicht mehr darum kümmern, dass Vater einem Taxifahrer zu viel Geld gibt, weil er sich sicher ist, dass die Zahl auf dem Tacho der Kilometerstand ist und man den Endpreis dann selber ausrechnen muss. Oder dass er ans andere Ende der Stadt fährt, weil er sich sicher ist, den Weg zu kennen und es auch ganz bestimmt besser weiss, als der Taxifahrer. Oder um es ganz direkt zu sagen: Ich habe ihn nach Koh Chang geschickt, weil es da nur eine Strasse gibt und er auf 430 Quadratkilometern einfach weniger Schaden anrichten kann als auf 1560. Und weil ich im Gegensatz zu ihm selbst bei einer sehr subjektiven Angelegenheit wie dem Schreiben eines Blogs Wert auf einen gewissen Wahrheitsgehalt lege, wird dieses Stück mit ausdrücklicher Genehmigung von Vater publiziert. Und mit einem letzten Kommentar des Protagonisten natürlich: «So öppis isch jo gär ä Kunst, da hett ich etz also au no chöne.»

... klar.