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Fast wie «Grey’s Anatomy», fast

Nach meinem Haar-Hoch bin ich ganz schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Oder viel eher im Spital. Wenn Lanz mal krank ist, dann aber grad richtig. Und so wird us em Lächli e Bächli.

Krank sein ist doof. Im Ausland erst recht. Als ich kürzlich mit Fieber aufwache, bin ich ganz und gar nicht amused. Mit viel Schlaf und ein paar Tabletten wirds schon wieder besser, tröste ich mich. Doch spätestens beim Schüttelfrost bei 35 Grad im Schatten weiss ich: Da stimmt was ganz und gar nicht. Ein Arzt muss her. Schnell meine Bangkok-Freunde um Rat gefragt, erfahre ich, dass ich am besten ins nächste Spital gehe. In meinem Fall das Saint Louis Hospital, ein katholisches Krankenhaus, das sich selbst als Hoffnungsträger in Sachen Gesundheitsförderung, Heilung und Seelsorge bezeichnet. Und so startet mein «Bitte helft mir»-Projekt am Empfang bei einer Schwester. Keine Krankenschwester, eine Schwesterschwester. Nachdem ich angebe, dass ich reformiert bin, nicht verheiratet und kinderlos (die Adresse scheint nebensächlich), werde ich meinem Arzt zugewiesen. Er befinde sich im Cardio-Zentrum im 2. Stock, heisst es. Cardio? «Yes, yes».

Es mag am Fieber liegen oder an den unmengen von Menschen im Rollstuhl um mich herum, ich finde den Herrn Doktor nicht. Ich wandle durch Gänge mit himmelblauen Decken und Marmorböden, öffne Türen zu Warteräumen und bin irgendwann im 2. Stock. Das sei aber der falsche, lässt man mich wissen. Nach gefühlten 10 Runden durch diverse Gebäude stehe ich vor dem Cardio-Zentrum und sehe schnell, warum ich hierher gewiesen wurde. Im Wartezimmer finden sich vornehmlich Farangs, das Interieur ist topmodern. Ich bin zwar im 2. Stock, offensichtlich aber in der 1. Klasse in Sachen Behandlungskomfort.

Im Rollstuhl durchs Spital
Die Wartezeit beschränkt sich auf 5 Minuten, dann bin ich dran. Ich schildere meine Symptome: hohes Fieber, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen. Der Arzt erklärt mir, es könne Dengue-Fieber sein, ein bakterieller Infekt oder eine schlimme Grippe. Tests müssen her. Ab da fühle ich mich wie im Film: ein junger Pfleger fährt mit dem Rollstuhl vor und nimmt mich mit (jetzt dämmerts mir, deshalb die vielen Leute auf den Gängen). Ich werde zum Bisi-Test gefahren – ins WC! Ich werde zum Bluttest gefahren. Der erinnert mich eher an eine Szene aus einem Drogenfilm – die Schwester bindet meinen Oberarm mit einem spröden Gummischlauch ab und setzt den Schuss, oder so ähnlich. Dann werde ich aus dem Gebäude gefahren. «You wait 40 Minutes». Gesagt, getan. Nach exakt 40 Minuten kommt mein Pfleger wieder und fährt mich zurück zum Arzt. Und der hat keine guten Nachrichten:

Er: Sie haben eine schwere Nierenbeckenentzündung, sehen Sie hier, Ihre Anzahl an weissen Blutkörperchen im Urin ist unglaublich hoch.

Ich: Und was bedeutet das?

Er: Sie brauchen Antibiotika.

Ich: Ok.

Er: Es sieht nicht gut aus.

Ich: Ja, aber mit Antibiotika kommt das gut?

Er: Vielleicht sollten Sie heute hier bleiben.

Ich: Oh nein, ich habe niemandem gesagt, wo ich bin und habe kein Telefon dabei.

Er: Ok, dann können Sie nach Hause.

Ich: Ok, wieso sollte ich denn hier bleiben?

Er: Ok.

Ich: Ist es denn sehr gefährlich?

Er: Ok.

Ich (in Gedanken): Er scheint nur seine Standardsätze auf Englisch zu können. Und offenbar weine ich, denn plötzlich stehen zwei Schwestern neben mir und sagen im Chor: «Okay...» «Okay...»

Ich: Was muss ich denn jetzt tun?

Er: Ok.

Ich: Was muss ich tun?

Er: Wir könnten Ihnen eine Infusion machen. Heute eine und morgen eine, dann wirkt das Antibiotikum schneller.

Ich: Gut, ja.

Er: Ok.

Ich: Ok.

Schwestern: Ok.

Ganz so ok läuft das Ganze dann aber nicht. Die Schwestern haben keine Ahnung, wie man eine Infusion steckt, hacken Nadeln in meinen Arm, bis das Blut fliesst und geben irgendwann auf. Sie holen die Alte aus dem Erdgeschoss, die mit dem Gummischlauch. Sie regelt das, der Tropf hängt und das Antibiotikum sickert in meine Blutbahn.

«You very special»
Irgendwann – es ist mittlerweile Abend – frage ich mich, ob jemand die Heizung im kleinen Raum aufgedreht hat. Und ob wohl überhaupt noch einmal einer kommen wird, um den Tropf abzuhängen. Nein und ja. Heiss bin nur ich und aussehen tue ich scheinbar komisch. Die drei Schwestern stehen kichernd vor mir und sagen: «Ooooh, you very red, you very special». Jaja, very special ist das Ganze in der Tat. Irgendwie schaffe ich es dann aber nach Hause und bin mir mitten in der Nacht ziemlich sicher, dass die Stechschwester mich tatsächlich zum Junkie gemacht hat. Schüttelfrost wechselt sich mit Krämpfen und Schweissausbrüchen. Es ist ein Elend. Da wünscht man sich plötzlich nur noch nach Hause, verflucht alles, was man am Leben im Ausland sonst so mag und fragt sich, wie man nur so unsäglich arm sein kann. Ihr kennt das, Kranksein halt.

Und bevor ich jetzt in die tiefen Abgründe des Selbstmitleids rutsche: Tag 2 wird besser. Viel besser sogar. Die Schwestern merken, dass ich eine allergische Reaktion hatte, schicken mich deshalb auf die Krankenstation und da begegne ich ihr. Dr. Cristina Yang aus «Grey’s Anatomy». Sie muss es sein, gleiches Gesicht, gleiches Verhalten, gleiche Gabe. Innert Sekunden steckt meine Infusion, Yang schlägt mit eisernern Mine zweimal an den Schlauch – bis etwas Blut zu sehen ist –, blickt auf, lächelt und sagt: «Antibiotic, I like». Dann ist sie weg. 2 Stunden später kommt sie zurück, entfernt schweigend den Schlauch, schaut mich an und sagt: «You go home now.»

Das mache ich. Aber erst fährt mich der Pfleger noch zur Kasse. So läuft das nämlich hier. Leistung beziehen, zahlen, gehen. Für rund 100 Franken habe ich insgesamt 8 Stunden im Spital verbracht, 2 Infusionen bekommen sowie Medikamente für die nächsten zwei Wochen in der Tasche. Der nette Rollstuhlführer bringt mich sogar noch zum Taxi und verabschiedet sich mit den Worten: «See you soon.» Nun, ich hoffe nicht mein Lieber, denke ich, entscheide mich dann aber doch für die Saint-Louis-Standard-Antwort: Okay.