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Fussball-EM im Offside

Auf Koh Tao, der Insel im Süden Thailands hat man es nicht einfach als Fussballfan. Der Strom kommt und geht wie es ihm passt und die Spiele beginnen hier deutlich zu spät. Und was macht Lanz? Die steht im Abseits. Und zwar deutlich.

Endlich ist sie da, die Fussball-EM 2012! Was habe ich mich darauf gefreut und was musste ich zurückrechnen, um festzustellen, dass ich – abgesehen von der EM 2004 in Portugal, an der ich live dabei war – zum ersten Mal eine Meisterschaft ausserhalb der Schweiz schaue. Fussball ohne johlende Fans, ohne stichelnde Kommentare, ohne Verbrüderungsbier? No way.

Da bleibt also nur eins, nämlich den Weg nach Koh Tao auf sich zu nehmen (wir erinnern uns an die nette Zuggesellschaft), um dort das Fussball-Ereignis mit meinen Freunden einzuläuten. Das Beste: Die drei Österreicherinnen sitzen im gleichen Boot wie ich, also sozusagen gar nirgends, da nicht dabei an der EM. Die zwei weiteren im Bunde, Engländer, halten sich vornehm zurück, zumindest vorerst. Wir sind friedlich und freuen uns für Dänemark, weniger für Italien, dafür wieder für Kroatien. Bis am Montag das Spiel der Spiele steigt. Frankreich gegen England.

Es ist Zeit für das Outing: Ja, ich bin Frankreich-Fan!

Und so sieht ein Tag im Leben eines Frankreich-Fans auf einer Insel OHNE EINEN EINZIGEN Verbündeten aus:

9.30 Uhr: Die beiden Herren überraschen bereits morgens in Vollmontur, sprich Fussballtrikots. Die drei Damen lassen mich eiskalt im Stich und erklären: «Fussball interessiert nur dann, wenn die Spieler heiss sind.» Aha.

12.00 Uhr:
Im Dorf gröhlen die Engländer, was das Zeug hält. Sairee-Beach ist Rot/Weiss – und zwar nicht das Rot/Weiss, das wir sonst mögen.

14.00 Uhr: Nach vergeblicher Suche nach anderen Nationalitäten auf der Insel google ich vorsichtshalber, ob Koh Tao nicht doch mal eine britische Kolonie war. Nein, natürlich nicht.

16.00 Uhr: Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich «French Cunt» höre.

17.00 Uhr:
Ich brauche eine Pause im Zimmer.

18.00 Uhr: Bei euch beginnt das Spiel um diese Zeit, bei uns heisst das: ausharren bis 23 Uhr, merci, Zeitverschiebung.

20.00 Uhr:
Das Bier fliesst, die Langeweile steigt. Ich versuche, eine Schweiz-Österreich-Allianz pro Frankreich zu gründen. Ich scheitere.

21.00 Uhr: Bei der Frage nach dem Wi-Fi-Passwort muss ich dem Engländer hinter der Bar sagen, für welche Mannschaft ich bin. Ich lüge nicht. Darauf gibt mir der Herr einen Zettel mit drei Passwörtern zur Auswahl: 1. «Franceisshit», 2. «Englandwillwin», 3. «Frenchcunt». Keines davon funktioniert.

22.00 Uhr: Es wird ruhiger, oder besser gesagt, die meisten Engländer sprechen mittlerweile so undeutlich, dass man sie einfach ausblenden kann.

22.15 Uhr: Endlich. Die Mehrheit hat entschieden, wo der Match geschaut wird. Im Kino!?!

22.30 Uhr: Das Kino existiert tatsächlich, die Bar davor könnte auch in einem englischen Vorort stehen. Meine Engländer-Freunde erbarmen sich, für mich Getränke zu bestellen. Ich werde nicht mehr bedient, da mein Dialekt nicht der Norm entspricht.

22.55 Uhr: Wir sind drin und ich bin positiv überrascht. Grossleinwand, bequeme Sitzgelegenheiten, ja, genau so habe ich mir das vorgestellt.

23.00 Uhr: Die französische Nationalhymne läuft. Ohne Ton. So habe ich mir das doch nicht vorgestellt.

23.10 Uhr: Die eine Österreicherin ist mittlerweile betrunken und erklärt sich bereit, die Franzosen «heiss» zu finden. Sie spricht in der «Wir»-Form. Ich mag sie.

23.20 Uhr:
Der Strom ist weg, und ist wieder da. Aber das Bild ist weg, nein es ist wieder da, oh, nein, doch nicht, blauer Bildschirm, roter Bildschirm. Rugby. Die Engländer scheinen die Fernbedienung nicht zu verstehen...

23.30 – 01.00 Uhr: Ich äussere mich hier nicht zum Spiel und schon gar nicht zum Resultat. Zudem bin während den 90 Minuten entweder damit beschäftigt, mir über Mittelsmänner Drinks zu besorgen, oder dem besoffenen England-Fan neben mir auszuweichen (In der Halbzeit schläft er zum Glück ein und liegt wohl bis heute noch im Kino).

02.00 Uhr: Zum Feiern ist irgendwie niemand mehr aufgelegt. Ich gehe heim und erinnere mich wieder, warum ich auf diese Insel gekommen bin. Ich wohne nämlich sozusagen beim Feind. Bei den Engländern. Drei enttäuschte Personen in einem Haus und Lanz in der Unterzahl. Könnte heikel werden, wird es aber nicht. Denn am Ende sind wir uns sogar einig: Englische Fussballfans können so richtig nerven. Und sonst? Tja, was will man bei einem Unentschieden streiten. Stattdessen lassen wir den Abend als das ausklingen, was wir ja eigentlich sind. Ganz normale Freunde halt. Zumindest bis zum Halbfinale.

Ach und: Allez les Bleus!