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Gestrandet in der Halong Bay

Nach dem Hoch in Hanoi folgt eine unsanfte Landung im vermeintlichen Paradies. Alles schwärmt von Halong Bay, nur bei den zwei Schweizerinnen will der Funke nicht überspringen. Auch nach langer Suche werden wir nicht wirklich fündig.

Wer schon einmal die Standard Nord-Süd-Route in Vietnam bereist hat, weiss, dass es an der Halong-Bucht kein Vorbeikommen gibt. Lonely Planet verspricht den Jurassic Parc, die UNESCO erklärt die Bucht zum Welterbe. Klar, da müssen wir auch hin. Der Trip scheint aber schon beim Organisieren in Hanoi unter einem schlechten Stern zu stehen. Man dürfe ja nicht auf eine 3-tägige Bootstour, sagen die einen. Man soll ja nicht individuell reisen, sagen die anderen. Und immer wieder fällt der Name Cat Bà – die grösste und einzige bewohnte Insel in der Bucht. Da die Preise und Angebote für Bootstouren zwischen 100 und 500 US-Dollar sowie Booze-Cruise und Seniorenreisli liegen, halten Summer und ich uns für besonders clever, als wir einen Individualtrip nach Cat Bà einfädeln.

Willkommen im Marbella Südostasiens

Wir fahren Minibus, Taxi, Bus, Minibus, Boot, Minibus und erreichen unser Ziel planmässig. Ausgespuckt werden wir am Haupthafen Cat Bàs und da möchten wir trotzt 20 Kilo Rucksack ganz plötzlich strammstehen. Mit militärischer Genauigkeit hat man die Stadt erbaut, mit architektonischer Grausamkeit verschandelt. Wer einen Vergleich erwartet: Wir finden auch nach langem Suchen keinen Ort, der nur annähernd so hässlich ist wie dieser. Oder sagen wir: Marbella im 80er-Jahre-China-Chic mit einem Touch Sowjetunion. Das einzig Positive ist, dass es an jeder Ecke WiFi gibt und Summer und ich so in kürzester Zeit unsere Flucht planen können. Mit der Bootstour haben wir es uns verscherzt, alle Kähne haben längst abgelegt. Es bleibt ein Resort namens Monkey Island, welches laut Agoda «bequem von der Stadt zu erreichen» ist. Folgende Szene spielt sich bei der Suche nach dem Transport ab:

Wir: «We need taxi to Monkey Island Resort»
Taxifahrer: «seeow weohrweoi wefohweriwe» - es kommt ein zweiter Mann
Mann: «I have boat»
Wir: «We don’t need boat, we need taxi»
Mann: «No, you need boat»
Wir: «No, Hotel is not far and no cruise today»
Mann: «You need taxi and boat»
Wir: «No, stop trying to fool us»
Mann: «Listen, miss, i live here, you need boat to Monkey Island» - er zeigt auf Karte und zeigt ins Meer
Wir: «Ach du Scheisse!»
Summer: «Ich ruf jetzt da mal an. Hello, do you have room for tonight. No, room. 2 people. Yes. Yes. No! Room! Yes. Are you island? Do we need boat? You can pick us up? Yes, we are here. No not in Hanoi. Cat Bà. You have boat? We are at – was heisst nochmal hässlicher Hafen auf Englisch???, ah, ja – the port. You come now. Now? When? As soon as possible. Yes, we are at the port. Yes we stay. No not go away again. How much? No, low season, low price, come on. Yes, we stay. No we are not in Hanoi. We are on Cat Bà. Yes, at the port. My name is Summer. You come now? Yes, we wait. Come now? Come now.»
Mann: «You see, is island»

Fünf Minuten später werden wir von 2 Herren auf Motorrädern abgeholt, fragen uns zwar kurz, warum die jetzt kein Boot haben, aber eigentlich ist mittlerweile alles egal. Es geht über Stock und Stein...zu einem anderen Hafen, wo wir tatsächlich ein Boot besteigen und durch die Kalkfels-Idylle zum Resort verschifft werden. Wenn wir könnten, würden wir den Kapitän für eine mehrtägige Privattour verpflichten, im Gegensatz zu Cat Bà fällt bei ihm ein Vergleich nicht schwer. Summer: «Das ist Sam aus Private Practice, Vietnamese-Style, ich fall gleich über Bord.» (ich weniger, meine Sorge gilt nach wie vor dem WiFi).

Die Fahrt geht weniger lang als sich Summer wünschen würde, aber am Ende werden wir auf Monkey Island mit «Hello Friends» begrüsst. Klar, es hat auch ungefähr viermal soviel Angestellte wie Gäste, die Preise sind höher als mancher Backpacker für eine Woche zur Verfügung hat, aber eben. Es ist egal. Wir sind der Betonhölle Cat Bà entkommen und haben somit Teil 1 der Paradiessuche nach 9 Stunden Reisezeit abgeschlossen.

Auf Monkey Island stimmt also wirklich ziemlich alles, es sind nur Details wie dieses, die die Idylle zu stören vermögen:


 

Kein Bier, kein Spass

Und so kommt es, dass Summer und ich am nächsten Morgen fast etwas zu selbstbewusst eine 1-tägige Bootstour antreten. Die Franzosen, die auf dem Schiff schon warten, scheinen vor Neid zu erblassen, als sie unser Resort sehen. Sie grüssen uns nicht mal, als wir von unserem Privatstrand an Bord gehen, ja, sie mobben uns schlicht ein wenig. Als 10 Minuten später ein weiteres Bötchen mit 5 Passagieren zu uns stösst, entgleist der mies gelaunten Madame dann aber das Gesicht endgültig. Sie verliert die Contenance und wir werden Zeuge einer französischen Attacke auf einen Vietnamesen in Anzug. Der Kerl hat dem Paar eine 3-tägige Privattour für 300 Dollar verkauft – und dann uns anderen eine Tagestour für 20 Dollar. Nach einem längeren Streit verschwindet der Tour Guide auf einem Hausboot und wir Westler bleiben mit zwei Besatzungsmitgliedern an Bord. Es regnet, der Himmel hängt tief – die Stimmung ebenso. Spätestens jetzt ist klar: Das wird keine Fun-Cruise.

Es gibt kein Bier, das Essen ist kalt, die Gesellschaft öde, die Aktivitäten (Walking Cave, Kayaking, Swimming) sind mässig unterhaltsam und dauern immer nur «40 millits!!!». Wir scheinen es, trotz aller Vorsicht, in eine Touristenfalle geschafft zu haben. Um der Halong-Bucht doch noch den nötigen Respekt zu zollen: Sie ist atemberaubend, selbst – oder vielleicht sogar gerade deshalb – bei Regen. Die knapp 2000 Kalkfelsen liegen im Dunst und wenn es nicht weit über 30 Grad warm wäre, fühlte man sich wie im Winter, irgendwo in den Fjorden Norwegens. Ja, dieses Naturschauspiel entschädigt für vieles, aber eben irgendwie nicht für alles. Deshalb die Learnings von Summer und mir hier in gebündelter Form:

Dos and Dont’s in Halong Bay

  • vermeide, wenn irgendwie möglich, Cat Bà City
     
  • bringe starke Nerven mit, du brauchst sie, um dich mit all den unfreundlichen, aufdringlichen «Tour Guides» rumzuschlagen
     
  • bring auch grad mehr Geld mit, als du sonst in Vietnam brauchen würdest. Hier kostest alles grundsätzlich einfach mal ein bisschen mehr
     
  • versuche in der Höhle (da hält jedes Boot) gar nicht erst, die Abkürzung nach draussen zu finden – es wird peinlich genau darauf geachtet, dass jeder Tourist auch ja die ganze (bis auf den rot beleuchteten Penis-Stalagmit - siehe Foto - unglaublich unspektakuläre) Tour abläuft
     
  • bring einen Dix mit, unser Kapitän hätte selbst ein «help» nicht verstanden
     
  • gehe nicht mit Spanierinnen ins Kajak, sie können weder rudern noch Befehle ausführen
     
  • gehe nicht ins «Noble House» - auch wenn Lonely Planet es als den place to be bezeichnet, da steigt schon längst niemand mehr ab
     
  • falls Du mehr als 20 Franken Budget pro Tag hast, geh nach Monkey Island. DA herrscht wirklich Inselfeeling. Und es hat einen Billard-Tisch, einen Tschüttelikasten und einen Ping-Pong-Tisch!!!


Nachtrag: Die Rückreise nach Hanoi ist wieder mit vielen Verkehrsmitteln verbunden, aber wir sind wohl selten so gerne gereist. Deshalb fliegen wir auch direkt weiter nach Da Nang mit Ziel Hoi An. Da sehen wir den griechischen Sexgott aus Vang Vieng wieder und spielen Cheerleader für 3 Mitglieder der australischen Footballmannschaft «Carlton Blues»....