Eat Pay Live

Gurten Festival: Bern beats Bangkok

Lanz is singing in the rain. Auf dem Berner Haushügel (sorry, es ist echt kein Berg) mach ich mal wieder Open Air. Statt in der Hitze Bangkoks, finde ich mich also in Wintermontur im Schlamm. Und trotzdem ist es eben wahr, dass nach em Rege dSunne schiint.

Für Züri West würde ich weit reisen, habe ich immer gesagt. Und ich habe Wort gehalten. Am Freitagabend geben sich die Berner auf dem heimischen Gurten die Ehre das bedeutet für mich: Bern statt Bangkok! Man müsse die Züris mal auf dem Gurten gesehen haben, heisst es schliesslich. Ja, man müsste das Gurten Festival überhaupt endlich mal gesehen haben, finde ich. Beim Checken der Wetterprognose werde ich kurz unsicher. 18 Grad und Regen sind angesagt und das im Juli. Nun gut, wenn meine Freundin und ich schon fast das Rädli gemacht haben, um an Tickets zu kommen, dann ziehen wir das jetzt aber auch durch!

Beim Anstehen fürs Bähnli kommt der Regen und mit ihm die ersten Zweifel. Wir Journis sind  ein bisschen bequem geworden, dank Medien-Akkreditierungen kennen wir so etwas wie Warten ja gar nicht mehr. Nach 10 Minuten im grauen Grau bin ich schon unendlich dankbar, dass ich mich gegen die Standard-Open-Air-Kluft (Chucks, Jeans, Shirt) und für die Berg-Kluft (Wanderschuhe, Icebreaker, Wind- und Regenjacke) entschieden habe. Nach weiteren 50 Minuten wissen wir zudem, dass wir doch besser zu Fuss auf den Hügel marschiert wären. Tja, das Bähnli nimmt uns dann doch noch mit und pünktlich zu Kunos «Schmocker oder Schmid» stehen wir vor der Hauptbühne. Und wir halten durch:


 

«Barbara isch e Hure»

Als Fan macht man ja so einiges mit, aber irgendwann hört der Spass auf. Und zwar genau dann, wenn das Bier sich automatisch wieder selbst füllt. Mit Wasser. Von oben. Der rettende Unterschlupf – das Cardinal-Zelt – entpuppt sich dann aber als sehr uncharmante Lösung:


Liebe unbekannte Open-Air-Gänger, ich weiss, ich bin manchmal bitz naiv, aber als ihr mich so nett nach meinem Namen gefragt habt, damit ihr mir ein Lied singen könnt, ja, da habe ich echt noch an das Gute im Berner geglaubt.

Doch wie weiss Herr Lauener so schön zu singen: «Mängisch rütscht’s eim us de Händ». Das Glück findet uns dann schliesslich noch. In Form eines Unerlaubten Zutritts zum VIP-Bereich (Broncos, ihr könnt noch so einen auf Macker machen, wenn ihr lieber korrespondiert als kontrolliert, ists halt passiert). Dort kommen wir auch ohne fancy Batch an Getränke (einfach mal nett fragen bringts halt schon), wir sehen Lenny Kravitz im Trockenen und ich weiss plötzlich wieder, warum ich Open Airs so sehr liebe.


«You look wonderful in your plastic outfits», sagt Lenny und hat ja so recht.
 

Gurten, I love you bitzli

Wenn dann noch ein netter Herr einfach mal schnell ein Hotelzimmer für zwei gestrandete Seelen organisiert, dann bestätigt das wohl definitiv, dass das Beste eben zum Schluss kommt. Da laufe ich sogar freiwillig den Hügel hinunter (auch das soll ja anscheinend zum Gurten-must-do gehören) und vergesse, dass ich im Hochsommer mit einer Winterjacke unterwegs bin.

Ja, da bin ich sogar so happy, dass ich diesem Gurten mal eine kleine Liebeserklärung machen muss:

Gurten, auch wenn du in meinen Augen mehr Hügel als Berg bist, mit Bangkok hältst du locker mit!

Gurten, du bist Scheisswetter wohl gewohnt. Selbst nach einer Nacht voller Regen sind deine Wege in die Stadt noch begehbar.

Gurten, du hast zwar dieses Jahr vielleicht nicht das beste Line Up im Vergleich zu den unzähligen Festivals in der Schweiz. Aber du hast definitiv das Beste daraus gemacht.

Gurten, du bist mein Twitter-Highlight des Sommers. Dank Tweets von Künstlern, Fans und OK ist man auch dabei, wenn man nicht (mehr) dabei ist.

Gurten, deine Jünger sind spitze und lassen sich selbst vom miesesten aller Wetter nicht die Laune verderben.

Gurten, in deiner VIP-Zone gehts so herrlich bodenständig zu und her wie an einem Herbstfest auf dem Dorf.

Gurten, du bist vielleicht nicht der Coolste im Land, aber es ist dir so dermassen egal, dass man dich genau dafür lieben muss.

Gurten, du bist für mich als Schaffhauserin ab jetzt der Inbegriff von Bern. Denn du hast mir in einer Nacht all die netten Dinge bestätigt, die man sich so über den Hauptstädter erzählt.

Gurten, du bisch eifach en Gmögige!

Ps. Gurten, da du jetzt grad noch Die Toten Hosen für 2013 verpflichtet hast, sehen wir uns definitiv wieder!