Eat Pay Live

In H(e)aven - in Cambodia

In Siem Reap gibt es Zürigschnetzlets. Ja, wirklich! Und es ist so gut, dass Lanz jetzt Werbung dafür machen muss. Denn das Schweizer Restaurant hat mehr zu bieten als nur gutes Essen.

«In Siem Reap gits imfall es beste Zürigschnetzlets», schreibt mir meine Kollegin, als ich ihr sage, dass ich sie auf meinem fälligen Visa Run besuchen werde. Und sie scheint zu wissen, dass diese Worte Balsam für meine Ohren sind. Das Essen in Thailand ist toll, ich liebe Reis, ich liebe Chicken, ich liebe all die tollen Sachen, die sie hier machen. Aber: Es gibt sie immer mal wieder, die Tage, an denen ich den Cervelat, die Spaghetti Bolognese oder eben das Zürigschnetzlets vermisse.

Angekommen in Siem Reap – da war ich schon öfters und muss deshalb nix mehr Angkor-Waten und so – freue ich mich auf vier Tage süssen Nichtstuns. Im herzigen Boutique-Hotel hab ich mir ein Special Offer geschnappt, verbringe die Tage am Pool oder im Städtchen und treffe mich natürlich auf ausgiebige Tratschs mit der Kollegin. Und dann kommt das Beste: Mein Hotel liegt direkt gegenüber vom «Haven», besagtem Restaurant mit dem Schweizer Traditionsgericht. Also gehe ich die drei Meter von Zimmer zu Zürigschnetzlets und erlebe einen Nachmittag, den ich so schnell nicht vergessen werde. Im herzigen Innenhof werde ich äusserst freundlich begrüsst und an einen Tisch begleitet.

Tofu statt Kalbfleisch

Nach der Bestellung wiederholt meine Bedienung mit perfekter Aussprache: «One Beer, one Zürigschnetzlets». Nach kurzer Wartezeit kommt mein Teller und ich weiss, es wird gut. Es wird sogar besser als gut. Nun, ich bin kein Restauranttester, aber ich weiss, wie Essen schmecken soll. Und dieses Zürigschnetzlets – trotz Tofu als Kalbfleischersatz (entweder ganz oder gar nicht, sagen sich die Inhaber) – ist, um es mal euphorisch auszudrücken, dä Brüller! Die Rösti knusprig und herzhaft, die Pilze angebraten, die Sauce ein Traum aus Rahm und einem Schuss Weissem. Gut, den Tofu hätte es schlicht nicht gebraucht, aber es soll ja Leute geben, die drauf stehen. Ok, und die Tomätli-Deko ist ein bisschen 90er, aber hey, so fühlt man sich wieder wie 14.

Kurz nachdem mein Teller abgeräumt wird, entdecke ich zwei vertraute Gesichter. Genauer: zwei Weisse. Jetzt will ich definitiv wissen, wie die das machen hier. Sara ist gerade beschäftigt mit Administrativen, aber Paul nimmt sich Zeit für mich. Und erzählt mir, wie es zum Restaurant in Siem Reap gekommen ist.

Büffeln fürs Leben

Das Schweizer Ehepaar ist 2008 auf eine Weltreise aufgebrochen und in Südostasien hängengeblieben. Im Dezember 2011 haben sie das «Haven» eröffnet, nachdem sie immer wieder nach Kambodscha zurückgekehrt sind. Und das «Haven» ist nicht einfach ein Restaurant, es ist ein Projekt. Eines mit Herz und Zukunft, wie ich finde. Die beiden bilden nämlich Waisen aus, die nach ihrer Schulzeit das Waisenhaus verlassen müssen. «Wir wollten etwas machen, hinter dem wir stehen können, etwas, das da greift, wo anderes aufhört», erklärt Paul. Und so setzten die beiden ihre Ersparnisse und gesammelte Spenden ein und riefen das Ausbildungsrestaurant ins Leben. Ein Jahr lang lernen die Lehrlinge Praxis und Theorie im «Haven», sie bekommen eine Unterkunft und nach Ende der Ausbildung haben sie Life Skills im Rucksack, ein Startkapital auf einem Sparkonto (das Trinkgeld, das sie im Lehrjahr gemacht haben) und Unterstützung bei der Jobsuche gibts auch noch.

Dass das Projekt bereits nach einem halben Jahr unter einem guten Stern steht, erlebe ich am eigenen Leib. Viele Gäste finden den Weg ins Nebensträsschen und verlassen das Lokal jeweils zufrieden. Kein Wunder: Paul, der Lebensmittelingenieur sorgt für Hygienestandards wie im 5-Sterne-Haus, Sara, die Kommunikationsfachfrau bringt dem Personal das Service-Gespür bei und in der Küche lehrt ein Khmer-Chef.

Aufgeben? Nein!

Natürlich ist im «Haven» aber nicht alles so perfekt, wie es an diesem Nachmittag auf mich wirkt. Ob es denn manchmal auch Tage gibt, an denen man alles hinschmeissen möchte, frage ich Paul. «Aber ja, zwei bis dreimal in der Woche», sagt er ohne zu zögern. Und just als ich denke, das Bier könnte irgendwie kühler sein, höre ich Sara hinter der Theke rufen: «Paul, das Bierfass ist nicht kühl!» Als ich die beiden danach beim Verhandeln mit dem Bierhändler beobachte weiss ich, was sie mit den Ermüdungserscheinungen meinen. Als ich dann aber den Service beim Bedienen der neuen Gäste beobachte und die zufriedenen Gesichter von Sara und Paul sehe, da weiss ich auch, warum sie trotzdem jeden Tag ihr Herzblut erneut in diese Sache stecken.

Du willst mehr über das «Haven» in Siem Reap erfahren? Auf der Website oder der Facebook-Page findest du alle Infos. Und wenn du demnächst nicht grad eine Asienreise mit Zürigschnetzlets-Stop geplant hast, dann kochst du dir das am besten selber zu Hause, das Restaurantgefühl kannst du dir dann holen, wenn du statt der Rechnung eine Spende zahlst. Super oder?