Eat Pay Live

Hipstersonntag

Sie heissen «Garden of Dream» oder «Good Little Space» und sie ziehen eine ganze Generation in ihren Bann. Bloggerin Barbara Lanz mischt sich unter die Hipster Bangkoks: ein Sonntag in der Grossstadt.

Sonntags wird Bangkok ein bisschen beliebig. Sonntage hier sind nämlich ähnlich wie Sonntage in irgendeiner Grossstadt im Hochsommer. Alles läuft ein wenig langsamer als wochentags, die Cafés werden von Freundeskreisen belagert und in den Läden tummeln sich die Teenies. Dann ist Bangkok aber auch wieder sehr ähnlich wie europäische Städte, wie Zürich. Ach was, eigentlich noch viel extremer. Wer hier an gewissen Orten nicht in Balletröckchen und Springerstiefeln oder mit Grosis Brille und Grossvaters Stock auftaucht, wird ganz schnell schräg angeschaut. Und zum Schluss hat Bangkok sonntags eine Szene zu bieten, wie ich sie bisher vor allem in New York gesehen habe: die unangestrengten Hipster. Menschen - eben nicht die Szenis in Zürich oder Berlin, die sich erst ab einer künstlich geschaffenen Hässlichkeit selber entfalten können -, die das urbane Leben schätzen und sich am liebsten mitten in der Stadt dem Mainstream entgegensetzen. Und das halt nur sonntags tun können, weil sie unter der Woche einen ziemlich normalen Job haben. 

Nun gehören mein Freund Benji und ich ganz bestimmt nicht zu den Kulturellen, Andersdenkenden oder Individualisten dieser Stadt, trotzdem zieht es uns sonntags gerne mal zu ebendiesen. Wir schlendern durch das Konsum-Mekka Siam Square und gelangen zum «Good Little Space», einem Plätzchen am Ende eines Gässchens, wo sich junge Thais künstlerisch entfalten. Mal gibts dort Bilder aus alten Büchern zu sehen, mal gibts die neusten Gärtnertipps fürs Leben im Hochhaus ohne Balkon und mal gibts die junge Familie, die ihren Kindern Indie-Lieder gelernt hat und sie diese vortragen lässt. Immer aber sind da Menschen, die zwar gerne aus dem Alltagstrott treten, dafür aber keinen Extra-Applaus brauchen. Kurz: im «Good Little Space» kann sich der Normalo unbemerkt in spannende Gesellschaft begeben. Ohne Gegenleistung.

«Bin ich jetzt doch auch einer?»
Ist man dann angefixt vom hippen Leben, findet man die nächste Ebene im Quartier Thong Lo. Es gibt schliesslich kaum einen Städter, der nicht gerne brunchen geht an einem Ort, das eigentlich wie das Zuhause ist, aber eben doch ausserhalb der eigenen vier Wänder liegt. Das geht im «Garden of Dream», einer Mischung aus Wohnzimmer, Küche und Treibhaus. Beim Schlemmen der «Eggs Benedict» spielts dann auch keine Rolle, ob der Kaffee grad ausgegangen ist und der coole Junge lieber Tricks mit seinem BMX macht, als damit zum Laden zu fahren, um Nachschub zu holen. Egal ist auch, dass der Eistee lauwarm ist, wenn man ihn schlürft, während man mit der netten Jungen die frischen Brioches im Ofen bestaunt und sich mindestens einmal die Finger daran verbrennt. Und gerade dann, wenn einen kurz die Hipster-Panik beschleicht - «bin ich jetzt doch auch einer?», «könnte ich nicht auch einfach mit den Thais vom Quartier Eier und Reis an der Strasse essen?» -, dann radelt der junge BMXler los und die junge Köchin tauscht den Ofen gegen den Plattenspieler. Man kann sich schlicht nicht nicht wohlfühlen. 

Und so rieseln aus den alten Boxen französische Chansons und aus der Kaffeemaschine endlich der Kaffee. Bis die hübschen Jungen ihre Schürzen ablegen und den Raum verlassen. Gegenüber vom «Garden of Dream» liegt nämlich das «WTF» - eine Bar mit angrenzender Galerie. Auch dieses Lokal schürt die Hipster-Angst, aber auch da ist sie eigentlich völlig fehl am Platz. Wenn Benji und ich dann nämlich auch über die Strasse gehen, uns auf einen alten Gartenstuhl im Hinterhof setzen und an einem Gin Tonic für zehn Stutz nippen, sind sie zwar alle da, die Coolen, die Alternativen, die Hippen. Aber daneben sitzt auch gerne mal der Expat-Banker, die Flamenco-Klasse aus Spanien oder der Coiffeur von nebenan, der sich noch ein Feierabendbier gönnt. Und spätestens wenn der Tourist im Lokal auf mich zukommt und fragt, ob ich hier ausstelle und die Bardame dann nett auf den Banker zeigt, ist klar: In Bangkok kann jeder ein bisschen Hipster sein. Aber nur sonntags.

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