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Koh Chang: Rückkehr ins Paradies

Lanz braucht mal wieder Meer und reist dafür – mal wieder – nach Koh Chang. Mit dabei: ein Guide, der ihr endlich die Vorzüge der Insel aufzeigt.

Vorurteile zu haben sei menschlich, heisst es. Meine wiegen aber umso schwerer, wenn ich mich in meiner negativen Energie bestätigt fühle. Solch eine hatte ich das letzte mal auf Koh Chang. Die Elefanteninsel ist zwar von Bangkok aus äusserst bequem zu erreichen (ca. 4 Stunden mit Minibus und Fähre), aber irgendwie lohnt es sich nicht wirklich. Dachte ich zumindest, nachdem ich im Frühling eine langweilige Woche an einem mittelmässigen Strand verbracht hatte. Mit mittelmässigen Menschen und mittelmässigem Essen.

Jetzt aber muss ich meine Meinung revidieren. Ich habe mich nämlich von einem Schweizer Kollegen, nennen wir ihn Luca, zu einer Woche Koh Chang überreden lassen. Der Mann war schon gefühlte 20 mal im Golf von Thailand und will mir beweisen, dass es eben durchaus mehr als Mittelmass gibt hier. Ich gebe mich hiermit geschlagen und mache sogar das, was ich eigentlich nur sehr ungern mache – ich gebe Tipps zu einem Reiseziel:

1. Karaoke im Country Restaurant

Wer schon einmal in Thailand war, der kennt es. Immer wieder passiert man ein Lokal, aus dem ein Gemisch aus komischer Musik und falschem Gesang dröhnt: Karaoke. Mittlerweile ist das Singen im angetrunkenen Zustand hier auch unter Touristen so populär, dass jeder noch so kleine Schuppen eine Auswahl an Lady Gaga, Celine Dion und Co. bietet. Das imposanteste technische Gerät im kleinen Örtchen Klong Prao in der Mitte Koh Changs befindet sich im Country Restaurant. Es ist das, was wir zu Hause wohl als Jukebox bezeichnen würden, hier in Thailand heisst das Teil aber Karaoke Box: ein Bildschirm, ein Münzeinwurf und eine Box halt. Zugegeben, die Auswahl an englischen Songs ist klein, der Spass am Singen von komischen Remixes (wer kann schon von sich sagen, einmal «Zombie» von den Cranberries in einer Hip-Hop-Version gesungen zu haben) aber umso grösser.
Das Beste: die Bar ist meist leer. Einzig die Bedienung wird nicht müde vom Kühlschrank zum Tisch zu pilgern und grosse Flaschen Leo-Bier zu bringen. Das Allerbeste: Sie ist taub.

2. Sundowner im Family Restaurant

Das Strohhüttchen liegt direkt am Strand von Klong Prao und bietet so die perfekte Sicht auf den spektakulären Sonnenuntergang, den man bei schönem Wetter ab 17 Uhr geniessen kann. Da Kitsch halt irgendwie Kitsch bleibt, bin ich dankbar für die Off-Sea-Alternative, die sich mir hier bietet. Der Koch des Hauses hantiert nämlich nicht nur professionell mit seinen Pfannen, er scheint auch ein extrem begeisterter Fotograf zu sein. So sitzt der Mann meist mit der Kamera in der Hand irgendwo inmitten von schwerverliebten Pärchen und fotografiert Krebse. Oder Treibholz. Oder Tische. Am besten isst man hier also nicht vor dem Eindunkeln. Der Koch trägt zwar stets die Schürze, den Grill wirft er aber erst an, wenn seine Kamera ohne Blitz nutzlos wird.

3. Nid’s Kitchen

Köche scheinen hier auf Koh Chang wirklich eine glatte Gattung zu sein. Auch bei Nid’s muss man sich nämlich nach dem Chef – eben, Nid – richten. Er fotografiert nicht, nein, er ist einfach. Er ist gross, dick, hat Rastas und trinkt vornehmlich Thai-Whisky auf Eis. Für den Service hat er seine beiden Kinder aufgeboten: Der Junge arbeitet derart präzise, er wird in 10 Jahren wahrscheinlich mal eine internationale Hotelkette managen. Das Mädchen ist...ach, sie ist ein Mädchen und sie wird, da bin ich mir ziemlich sicher, mal für den Thailand Tatler schreiben und sich immer mit einem Lächeln an die Weisheiten ihres Vaters erinnern. Wer aber von Nid bekocht wird, sich nicht über die Schärfe im Essen beschwert und am Ende noch einen Lau Kao (Schnaps) bestellt, der darf in sein Gästebuch schreiben und wird mit einem Nicken verabschiedet.
Liebe Studis, Adams und Co., manchmal ist echte Coolness eben mehr als Hipster-Food und Szeni-Kochschürze. Manchmal brauchts nicht mal Worte dafür.

4. Cheap Thrills Bar

Aussteiger gibts hier in Thailand ja zu genüge. Gescheiterte Existenzen noch viel mehr. Der Inhaber des Cheap Thrills allerdings hat mehr als alles richtig gemacht. Andrea, ein Italiener, der mit französischem Akzent Englisch spricht, hat in 2 Jahren eine Bar aufgestellt, die sich locker mit anderen Strandbars an hippen Ferienorten messen kann. Sie verfügt über die obligaten Hunde, den Billardtisch, Nippes – und sie hat eine Bühne. Auf der spielen gerne mal Reisende oder eben auch Andrea selbst. Andrea kocht auch gerne selbst, Italiener halt (einer, der weit weg von Mama ist). Am Samstag macht er selber Pasta und er backt Brot. Für einen Kohlehydrate-Junkie wie mich ein Paradies. Und er hat Rotwein. Es gibt also langsam immer weniger Gründe, Koh Chang nicht zu mögen. Luca nimmt dies mit Genugtuung zur Kenntnis – um dann sein iPhone mit der Musikanlage zu verbinden und Züri West zu spielen. Auch das geht bei Andrea.

5. White Sand Beach – Sabay Bar

An den Russenstrand, oder wie man ihn nennen will, muss einfach, wer je auf Koh Chang ist. Hier gibts viele trashige Girlie-Bars, schlechte Restaurants, gefälschte Ware und und und. Aber es gibt eben auch anderes, wie Insel-Profi Luca weiss. So essen wir in einer Bar, in der ein Senioren-Duo beweist, dass es auch in Thailand so etwas wie den Santana-Groove geben kann. Und wir tanzen in der Sabay-Bar, in der just an diesem Abend eine Band spielt, die ich seit meiner ersten Thailand-Reise verehre: Job2do – abgehalfterte Thai-Reggae-Männer, die mit einem simplen «Doo, doo, doo» selbst den coolsten Thai zum Ausdruckstanz verführen. 

Ich könnte jetzt ewig so weitermachen. Von Kajak-Touren auf verlassene Inseln schwärmen, von Maria Wallisers Göttibueb, mit dem ich irgendwann in irgendeiner Nacht über irgendetwas philosophiert habe. Oder einfach von diesem Klong Prao Beach, der mir in so kurzer Zeit so dermassen ans Herz gewachsen ist. Ja, ich muss gestehen, Koh Chang ist eine tolle Insel mit tollen Menschen. Weit weg vom Mittelmass, das ich in Erinnerung hatte. Deshalb habe ich auch bei Nid ins Gästebuch geschrieben, dass ich wieder komme...irgendwann.