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«Kopf hoch, tanzen!» am Zürich Openair

Das Line-up des diesjährigen Zürich Openair hat meinen Puls erhöht. Herzrasen bescherten mir dann allerdings nicht die Bands, es waren Szenis, Schlangen und Sound. Deshalb ignoriere ich die jetzt einfach.

Das Zürich Openair 2012 ist eine arme Sau. Seit Donnerstag wettern die Festivalgänger was das Zeug hält und ja, ich muss mich dazuzählen. Bis jetzt. Aber beginnen wir von vorne...

Warum ich mich so dermassen aufs ZOA gefreut habe, weiss ich eigentlich selber nicht. Vielleicht, weil mein Schaffhauser Herz halt eben doch fest für Zürich schlägt. Oder vielleicht, weil mich meine Erinnerungen ans erste Festival im 2010 geblendet haben. Oder einfach, weil Babs am ZOA = Babs in der Heimat bedeutet. Mein Openair-Hoch verwandelt sich jedenfalls am Donnerstag – kaum bin ich auf dem Gelände – in ein Sturmtief. Meine Backpacker-Freundin Amélie und ich sind nämlich in Festivallaune und wer in Festivallaune ist, der will Sonne, Bier und gute Musik.

Wir erhalten nichts dergleichen (ok, die Sonne war noch kurz da). Bevor ich jetzt aber zu einer Hasstirade aufs Jeton-statt-Bargeld-System, die schlechte Soundanlage oder das desinteressierte Publikum ansetze, klemme ich grad mal ab. Wer zu den ZOA-Gängern gehört, weiss, wovon ich spreche: von halbbesetzten Kassen beim «Money»-Wechsel, von halbbesetzten Plätzen vor den Bühnen, von halbherzigen Entschuldigungen der Festivalleitung, von halbnackten Mädchen und Buben (die wohl schon seit Freitag krank im Bett liegen), von halbtoten DJs, die von ihrem Set abtransportiert werden müssen.

Zwei der vier Festivaltage habe ich also nun mit motzen und hässelen verbracht. Einen hab ich ausgesetzt und zur Reflexion genutzt....zur Beantwortung der Frage, weshalb ich mich denn jetzt so auf dieses Openair gefreut habe.

Et voilà, hier die Gründe:

  • Das ZOA ist so unglaublich fest Züri, dass es fast weh tut und gleichzeitig so unglaublich unorganisiert, dass es auch irgendwo in Hinterkasachstan stattfinden könnte.
     
  • Das ZOA hat keine Sponsorenzelte sondern Partytempel der hiesigen Clubszene und die sind nicht nur perfekter Unterstand bei Regen sondern bieten waschechte Turnfest-Atmosphäre.
     
  • Das ZOA ist der ideale Ort für klaustrophobische Menschen wie mich, denn wo keine Leute, da keine Platzangst.
     
  • Das ZOA ist bequemer zu erreichen als andere Festivals (man wird ja älter...)
     
  • Das ZOA ist so ein bisschen ein Spiegel für die meisten von uns: Es verkauft sich besser, als es eigentlich ist, es stolpert über Kleinigkeiten, und eigentlich will es ja nur toll sein.

Zugegeben, die Gründe sind nicht unbedingt schmeichelhaft für ein Festival. Schmeichelhaft wirds erst, wenn ich jetzt sagen kann, dass all diese Dinge tatsächlich eingetroffen sind an diesem Wochenende.

Hab Mitleid, bitte!

Ja, es klappt vieles nicht. Ja, es hat mal wieder viel zu wenig Leute. Ja, das Wetter war meist schlecht. Und trotzdem hast du mich gebodigt, liebes ZOA. Wenn Lanz pausieren muss, dann will das was heissen. Und zwar, dass ich zwei unglaublich tolle Nächte in diesem Rümlang (oder Glattbrugg oder irgendwo dazwischen) verbracht habe. Mit guter und schlechter Musik. Und mit ganz vielen Menschen, die ich kenne oder eben nicht. Und ist es nicht genau das, was am Ende zählt? Oder um es mit den Worten des so gar nicht trendigen Herbert Grönemeyers zu sagen: «Kopf hoch, tanzen. Kopf aus und raus.» Ich machs auf jeden Fall nochmal heute. Gut gelaunt, ganz ohne Motzen und mit viel Mitleid für das gebeutelte Festival. Und ich finde, das solltest du auch tun.

Ok nur eins noch:

ZOA, am Freitag um 22 Uhr ging das Tonic für den Gin aus. DAS ist jetzt wirklich ein Kritikpunkt.