Eat Pay Live

Landliebe!

Bangkok sei ein Moloch, heisst es. Das finden wir hier auch, zumindest manchmal. Lanz und Co. reisen in den Süden – für ein Detox-Wochenende irgendwo im Nirgendwo. In Phetchaburi.

Manchmal merkt man erst, dass man von etwas genug hat, wenn man sich davon entfernt. So ergeht es Benji (meinem Trasher-Freund), mir und noch einem Freund, nennen wir ihn Serge, als wir am Freitagnachmittag in einem Minibus sitzen. Der Stau in Bangkok will kein Ende nehmen, die Klimaanlage kommt kaum gegen die Gluthitze in den Strassen an und die letzen Nächte in der Stadt haben unsere Körper förmlich geschändet. Als wir allerdings gegen Abend an einer einsamen Kreuzung aus dem Bus steigen, durchströmt mich dieses Gefühl, das ich das letzte mal wohl nach einem Dorffest verspürt habe. Ein paar Trucks tuckern vorbei, auf den Dächern der verlassenen Häuser turnen Affen und irgendwo krächzt ein Vogel.

Wir sind ausserhalb des Örtchens Phetchaburi, rund 180 Kilometer südlich von Bangkok. Wir, die die letzten Tage die Stadt unsicher gemacht haben, sind auf dem Land und zwar aus gutem Grund: Stadtflucht wollen wir betreiben und dazu einen Freund von Serge besuchen, der mit seiner Frau ein Haus im Nirgendwo gebaut hat. Wir wollen 2 Tage lang nichts tun, lesen, baden, kochen, essen und früh schlafen.

Garten Eden, nur besser

Als Serges Freund, nennen wir ihn Chelsea, mit seinem Pickup vorfährt, bin ich endgültig angekommen. Auf der Ladefläche des rostigen Teils sitzend fahren wir in die Nacht, vorbei an nichts und wieder nichts, bis wir am Ende einer Schotterstrasse vor einem eindrücklichen Tor stehen bleiben. Dahinter verbirgt sich eine Oase, die ich so noch nicht gesehen habe. Es gibt mehrere Häuser, Bäder, die im Freien stehen, Blumen, Tiere – und die Veranda, der Dreh- und Angelpunkt eines Thai-Anwesens mit Blick auf den See. Dieser Kerl hat sich seinen eigenen Garten Eden geschaffen, denke ich mir. Nur besser, finde ich, als mir Chelsea einen Gin Tonic in die Hand drückt. Gleichzeitig merke ich, dass unser Möchtegern-Detox wohl nicht ganz wie geplant funktionieren wird. Und das tut er auch nicht, denn:

Chelsea und seine Frau tischen uns im Stundentakt Mahlzeiten auf, sodass wir uns in zwei Tagen mal eben durch ganz Thailand essen. Dazu trinken wir abwechselnd Bier, Gin Tonic oder Wein.

Wenn wir nicht essen, dann spielen wir Eile mit Weile. Dazu trinken wir abwechselnd Wein, Schnaps oder Mojito.

Wenn wir nicht essen oder spielen, dann fahren wir mit dem Pickup rum. Dazu trinken wir Bier, denn «ihr solltet nicht auf dem Trockenen sitzen da hinten».

Wenn wir nicht essen, spielen oder fahren, dann baden wir. Dazu trinken wir Bier, denn «ihr solltet eurem Körper auch von innen Flüssigkeit gönnen».

Wenn wir nicht essen, spielen, fahren oder baden, dann schlafen meine zwei Freunde. Ich horche in dieser Zeit ihrem Schnarchen und frage mich, welcher der beiden wohl eher erstickungsgefährdet ist. Und ich überlege mir, warum ich mich auf diesem abgelegenen Stückchen Erde so unglaublich wohl fühle.

Mästen, tränken, tätscheln

Ungefähr am Samstag um 3 Uhr morgens weiss ich es. Es ist eben genau dieses Dorffest-Gefühl, das ich am Anfang schon hatte, das, was wir Mädchen vom Land am Ende nur mit einem Wort beschreiben können: Es ist Landliebe. Hier, weit weg von zu Hause passiert das, was immer passiert, wenn man bei Leuten vom Land zu Besuch ist. Man wird gemästet, getränkt und getätschelt. Und plötzlich ist es total egal, wenn die Katze einem das Buch zerfrisst, wenn der Hund nach dem Suhlen im Sand genau an dir hochspringen will oder wenn das Huhn den Weg zur Toilette versperrt. Dann ist da nämlich immer ein unglaublich netter Gastgeber, der entweder ein Glas Wein in der Hand hat oder einen  Teller mit etwas, dass du unbedingt probieren musst. Oder er sitzt einfach da und sagt: «Chum, jetzt nämemer zerst mol es Schnäpsli.» Als uns am Sonntagmorgen dann tatsächlich auch noch ein Zopf präsentiert wird, kommen mir schon fast die Tränen.

Die zwei Tage in Phetchaburi sind wie ein Wochenende bei meiner Tante Vreni, oder bei meiner Familie, oder bei meinen alten Schulfreunden. Und als Benji und ich am Sonntag völlig übernächtigt aus einem weiteren Minibus geladen werden, mitten in Bangkok, in der Mittagshitze, haben wir zwar weder Erholung gefunden noch die angepeilte Entgiftung. Ich aber habe einmal mehr erfahren, dass dieses Land, so fern von zu Hause es auch sein mag, mir immer wieder das Gefühl von Heimat vermittelt.