Eat Pay Live

Living In A Box

Der Heimaturlaub kann beginnen. Und weil er ausgedehnt und in einer gänzlich anderen Klimazone als Thailand stattfindet, begebe ich mich erstmals seit 10 Monaten in den Keller. Zu meinem Hab und Gut.

Für diese Geschichte muss ich kurz abschweifen. In die Vergangenheit. Im Zügeln war ich stets ein Profi. Mit 32 Jahren kann ich auf 12 Umzüge zurückblicken und allesamt sind ohne Zwischenfälle abgelaufen. Worin ich hingegen noch nie gut war: im Packen. Oder besser gesagt: im Entscheidungen treffen, was behalten wird und was nicht. Also habe ich in der Regel immer alles behalten und – wie viele andere Menschen auch – von Jahr zu Jahr mehr Kisten direkt von Keller zu Keller gezügelt. Ihr kennt das, hoffentlich.

Als ich aber meine Wohnung in Zürich auflöste, musste ich mich wohl oder übel von vielem trennen. Weil ich meiner Familie keine komplette 4.5-Zimmer-Wohnung in den Keller stellen und weil ich keine komplette 4.5-Zimmer-Wohnung mit nach Thailand nehmen konnte. Damals, vor 10 Monaten, dankte ich meiner Freundin Amélie für ihre Strenge: Sie zwang mich, Kleidersack um Kleidersack zu füllen. Sie ermunterte mich, von mindestens 40 Prozent meiner Schuhe Abschied zu nehmen und sie überwachte, welche Dinge ich schlussendlich in Zügelkisten packte. Ich fühlte mich mit jeder Stunde freier und glücklicher und, ja, ich bewunderte Amélie für ihre klare Pack-Linie.

«Kleider», «Kleider», «Kleider»

Jetzt, wenn ich im Keller meiner Schwester stehe und meine Kartonschachteln anschaue, bin ich wütend auf Amélie. Erstens hat sie es total versäumt, mir zu sagen, dass es nicht schlau ist, mehrere Kisten mit «Kleider» anzuschreiben. Zweitens ist sie dafür verantwortlich, dass von all diesen Schachteln nur drei mit «Schuhe» angeschrieben sind. Ich wühle mich verzweifelt durch Sachen, die ich nicht brauchen kann. Sommerkleider, Bettwäsche, Cocktailkleidchen...ich freue mich, gewisse Teile mal wieder zu sehen, merke aber spätestens bei Kiste 4, dass ich beim Ausmisten einen grossen Fehler gemacht habe. Ich habe thailändisch sortiert. Sprich: Grösstenteils trennte ich mich von Winterkleidern. Von Jeans, Strümpfen, Röcken und Wollsachen. Von allem halt, allem was ich für meinen Heimaturlaub ganz dringend benötigte!

Mir fällt mein Lieblings-Norwegerkleid ein. Es war perfekt für den Winter, aber leider nur von Hand zu waschen. An diesem Samstag Ende Januar habe ich deshalb total mutig entschieden, es in einen Kleidersack zu stecken. Drei meiner Winterjacken gleich mit. Denen fehlten Knöpfe, in meinen Augen DAS Argument fürs Entsorgen. Meine Strickpullis sind ebenfalls nicht zu finden. Ach ja, auch da nickte Amélie damals wohlwollend, als ich sagte, ich hasste Handwäsche. Bei den Schuhen stellts mir dann endgültig ab. Ich finde Sandalen, High Heels, ich sehe nirgends meine Winterstiefel, meine Heidi-Winter-Schuhe, für die ich vor 2 Jahren das Personal eines Ladens in Zürich halb wahnsinnig gemacht habe, meine unpraktischen Boots, die meine Freunde mit einem «typisch Lanz» quittiert hatten.... Es ist grauenhaft.

Mein Leben ist europaweit verstreut

Ich höre Amélie, wie sie jubelte: «Hey Barbara, du machst so vielen Kindern eine Freude!» Ich möchte jetzt sagen: «Hey Amélie, du bist verantwortlich dafür, dass die Hälfte meines Lebens wohl europaweit verstreut ist.» Jetzt könnte ich ewig jammern, besser wirds aber dadurch kaum. Am Ende habe ich mich ja freiwillig dazu entschieden, mein Schweizer Leben in Kisten zu packen. Und dazu gehört, wie mir schliesslich einfällt, wesentlich mehr als Kleider und Schuhe. Zum Beispiel gibts die Kartons mit den Büchern, von denen ich mich nie trennen würde. Oder eine Schachtel, die mit «Küche» angeschrieben ist und mich daran erinnert, dass es, anders als in meiner Thai-Wohnung, hier wieder Herd und Ofen gibt.

Und dann sehe ich die Kiste mit den DVDs, die sich über die Jahre so angesammlt haben. Darin wiederum liegt ein Schatz, der leider plötzlich wieder besonders wertvoll geworden ist: die Serie um Ballerina Anna mit Silvia Seidel und Patrick Bach. Plötzlich ist es ganz egal, dass ich für das aktuelle Wetter weder passende Schuhe noch passende Kleider habe. Ich habe das passende TV-Programm. Und eine Küche!