Eat Pay Live

Singin’ in the Rain

Tropensturm Gaemi zieht derzeit über Südostasien und Bangkok bereitet sich seit Tagen auf die erwarteten Wassermassen vor. Zwischen Sandsackdepots und Regenschirmen harren Lanz und Co. der Dinge – und flüchten einen Abend in eine andere Welt.

Es ist ziemlich ungemütlich dieser Tage hier in Bangkok. Mit etwas Glück zeigt sich die Sonne am Morgen, um sich dann ziemlich schnell wieder zu verziehen und einem grauen Teppich von Himmel Platz zu machen. Einkaufen, der Weg zum Skytrain, der Drink in einer Rooftop Bar – alles ist mit dem Risiko verbunden, innert Sekunden sehr sehr nass zu werden. Gaemi soll der Grund für die Wetterkapriolen heissen. Gaemi, ein Tropenstrum der seinen Weg nach Thailand sucht. Und während die Medien hier täglich die Angst vor der nächsten Flut schüren, die Armee Hunderttausende von Sandsäcken ausliefert und mein Vermieter mit Zeichnungen ein Notfallszenario aufzeigt, habe ich etwas ganz anderes im Kopf: Musik.

Keane haben ihr Kommen angekündigt und Keane will ich sehen, Gaemi hin oder her. Zu ihrem «Somewhere Only We Know» habe ich vor Jahren auf einem Parkplatz in Schaffhausen geküsst, mit «Bend & Break» eine Lebensmittelunverträglichkeit auf einer fremden Toilette ausgestanden und bei der von einem Freund via Skype gesungenen Version von «Sovereign Light Café» hat mich vor lauter Lachen fast der Erstickungstod geholt. Keane sind fester Bestandteil meiner iTunes-Playlist, ja, meines Lebens – in der Schweiz wie in Bangkok. Es stört mich deshalb in keinster Weise, dass genau in dem Moment, in dem meine Freunde und ich ein Taxi suchen, ein Platzregen über die Stadt fegt. Wie begossene Pudel erreichen wir das Moonstar Studio und ich frage mich, wie so ein Konzert in Thailand wohl abläuft. Ich rechne mit vielem, aber nicht mit dem, was mich vor Ort erwartet:

  • Es gibt 3 verschiedene Stellen, um Tickets zu holen: Medien, VIP und Abendkasse – kommt mir irgendwie bekannt vor.
     
  • Beim Bierbestellen werde ich höflich nach meinem Coupon gefragt – kommt mir irgendwie bekannt vor.
     
  • Vor der Coupon-Ausgabe bildet sich eine endlose Schlange – kommt mir irgendwie bekannt vor.
     
  • Es regnet in Strömen und es hat mehr Menschen als gedeckte Plätze – kommt mir irgendwie bekannt vor.


Als ich mich gerade wundere, ob ich auf wundersame Art und Weise an ein Openair in der Schweiz gebeamt wurde, werde ich zurück nach Bangkok geholt. Die Fans vor dem Gebäude stimmen zum Sprechchor an: « So tell me when you're gonna let me in». Ein Fan nutzt Twitter, um sich direkt an die Band zu wenden: «Please let us inside its raining please», schreibt sie. Prompt kommt die Antwort von Schlagzeuger Richard: «I’ve asked them to open the doors now» - und die Türen öffnen sich. Der Einlass läuft reibungslos (man darf im Gegensatz zu Schweizer Anlässen sogar Schirm, Haarspray und Wasser behalten) und das Konzert beginnt kurz darauf.

So feiert man eine Band

Jetzt sind wir definitiv weit weg von heimischen Gepflogenheiten. Die Halle ist erleuchtet, nicht von der Lichtshow der Band sondern von all den Handys und Kameras, die das Publikum in die Luft hält. Und es ist laut, nicht von der Soundanlage sondern von den Stimmen der Fans, die jede einzelne Zeile mitsingen. Wir singen, tanzen und fotografieren uns förmlich in einen Rausch. Nach einer Stunde kennen wir alle Personen um uns herum (und sind jetzt auch auf ganz vielen Fotos) und nach zwei Stunden sind wir wieder nass, nicht vom Regen...vom Tanzen.

Die Thais zeigen uns vereinzelt anwesenden Farangs an diesem Abend, wie man eine Band richtig feiert. Und sie lassen uns die Sorgen, die uns vielleicht in den kommenden Tagen erwarten, vergessen. Wir bemerken nach dem Konzert nicht einmal, dass der Regen aufgehört hat. Wie auch, das Wetter – und der herannahende Gaemi – ist für einmal kein Thema mehr.

«Storm is coming»

Mit Melodien und Bier im Kopf mache ich mich auf den Heimweg, träume vor mich hin – und werde urplötzlich sehr unsanft geweckt. Mein Taxifahrer ist eingenickt, das Auto streift die Leitplanke und ich bin hellwach. Die Realität ist zurück und mit ihr der Regen. Und so stehe ich mitten in der Nacht auf einer Strasse in Bangkok und finde erst nach langem Warten einen Fahrer, der mich nach Hause bringt. Beim Aussteigen lächelt er mich an und sagt: «Lady, you not go out now, storm is coming». Das war am Donnerstag. Bis heute ist der Sturm noch nicht gekommen, trotzdem werde ich gewissenhaft meine Balkontür verriegeln. Und dann meinen Computer nebens Bett stellen und das Prasseln des Regens mit Tom Chaplins Stimme verschmelzen lassen: «I’ll meet you in the morning when you wake»...