Eat Pay Live

Soundtrack zum Kotzen

Die Reise von Vang Vieng nach Luang Prabang sei hart, heisst es. Ja, das ist sie wirklich. Regelrecht zum Kotzen finden es einige. Lanz lenkt sich ab mit Musik.

Das Leben eines Backpackers kann grausam sein, ihr kennt das. Nie hat man genug Schlaf, ständig ist man irgendwie verkatert und dann ist da immer dieser überdimensionale Rucksack, den es zu schleppen gilt. Summer und ich können uns trotzdem endlich dazu überwinden, unser Klassenlager in Vang Vieng zu verlassen – wie angekündigt ziehts uns gen Norden, Richtung Luang Prabang. Herr Waters, wir erinnern uns ans Vientiane-High des Lonely-Planet-Autors, warnt ausdrücklich vor Busreisen in Laos. Die Bergrouten seien eine Tortur und dass in den meisten Bussen Plasticksäckli verteilt werden, sei begründet. Pha, das lässt uns aber richtig kalt. Summer ist eine Berggeiss und ich hab mich das letzte Mal beim Reisen übergeben, als ich als Kind mit meinen Eltern nach Italien fuhr und ungefähr 17 Donald-Duck-Comics am Stück gelesen hab.

In Kurve 12 beginnt das Drama

Nach einer extra kurzen Nacht (die 7 Stunden Busfahrt wollen wir schliesslich schlafend verbringen), gehts also los. Der VIP-Minibus entpuppt sich als mini in jeder Hinsicht. Ein Thromboseparadies! Die Reisegesellschaft besteht aus halb Vang Vieng (Summers geiler Spanier, der sich wie ein mexikanisches Apéro-Gebäck nennt, ist leider nicht dabei) und zwei Locals. Man installiert sich, arrangiert sich, montiert die Kopfhörer und ist so bereit, wie nur möglich. Und dann das. Ins herrlich entspannende Pfeifen von Edward Sharpes «Home» mischt sich ein komisches Geräusch. Ein Stöhnen, an Kreischen grenzend. Ich werde mir an dieser Stelle übrigens wünschen, ich hätte die Augen nie geöffnet. Das laotische Mädchen hinter mir ist weisser als der Ire in der hintersten Reihe. Die Augen sind verdreht und...sie würgt. Sie tut das in den nächsten 7 Stunden in einer Regelmässigkeit, die erschreckend ist.

Schlafen ist ab sofort unmöglich und so machen Summer und ich, was man eben so machen kann, um sich von Geräuschen und Gerüchen abzulenken. Und da sind wir sehr unterschiedlich. Summer fixiert den Horizont und scheint sich selbst in eine Art Trance zu versetzen, ich bearbeite manisch mein Telefon, schalte die Lautstärke auf voll und beginne mit einer meiner Lieblingsbeschäftigungen: Listen machen. Ich mache To-do-Listen, To-don’t-Listen und dann weiss ich plötzlich, welche Liste mir wirklich helfen wird. Das Protokoll. Hier in voller Fassung ab dem dritten Würgen:

Fahrzeit: 2 Stunden und 10 Minuten
Song:  Rob Randolph & The Family Band - «Ain’t Noting Wrong With That»
Notiz: das regelmässige «huh» im Song überdeckt das «huh» des Mädchens nahezu perfekt.

Fahrzeit: 2 Stunden und 30 Minuten
Song: Fun. - «Carry On»
Notiz: «If you’re lost and alone, or you’re sinking like a stone, carry on» bekommt eine ganz neue Bedeutung. Könnte ich sinken, würde ich. Stattdessen drehe ich die Lautstärke weiter rauf.

Fahrzeit: 2 Stunden und 43 Minuten (das Mädchen hält sich jetzt weisse Tücher vors Gesicht und macht komische Laute)
Song: The Strokes - «The End Has No End»
Notiz: Ein Songtitel kann zum Mantra werden.

Fahrzeit: 3 Stunden und 32 Minuten (mittlerweile haben wir ungefähr 3x gehalten, das Mädchen hat komische Dinge gemacht und sitzt jetzt auf dem Vordersitz...mit dem Kopf aus dem Fenster)
Song: Die Toten Hosen – «Wünsch Dir Was»
Notiz: «Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft.» Ja, wann denn nur???

Fahrzeit: 3 Stunden und 40 Minuten
Song: Coeur de Pirate - «Adieu»
Notiz: Französisch kann sehr beruhigend sein. Ja, so sehr, dass ich glaube ich kurz wegdöse.

Fahrzeit: 4 Stunden und 3 Minuten (wir sind irgendwo im Hochgebirge und halten an)
Song: U2 - «No Line On the Horizon»
Notiz: «The song in my head is now on my mind, I put you on pause». Endlich! Pause.

Fahrzeit: 4 Stunden und 55 Minuten (es geht jetzt abwärts, in jeder Hinsicht)
Song: Saybia – «We Almost Made It»
Notiz: «In the end we almost made it, at the point of no return». Es gehe jetzt noch knapp 2 Stunden, sagt der Fahrer. Das Mädchen liegt jetzt über 2 Sitze und scheint noch immer Mageninhalt zu haben, den es loszuwerden gilt.

Fahrzeit: 6 Stunden und 10 Minuten
Song: Biffy Clyro - «Mountains»
Notiz: «I am a mountain, I am the sea, you can't take that away from me». Mittlerweile ist aus Verzweiflung Wut geworden. 8 von 10 Personen im Bus schlafen, Summer – die übrigens NIE Musik hört (ist vielleicht auch besser so, sie würde uns wahrscheinlich mit Beyoncé beschallen) – inklusive. Ich höre zum x-ten Mal Biffy Clyro.

Fahrzeit: 6 Stunden und 40 Minuten
Song: Tunng - «Hustle»
Notiz: «When I come home, you won't be there any more». Und Home ist in diesem Falle die Busstation Luang Prabang.

Noch nie bin ich so schnell aus einem Bus gesprungen, noch nie war ich so froh über einen aufdringlichen Tuk-Tuk-Fahrer. Und noch nie hab ich wohl freiwillig so viel für ihn bezahlt. Aber: So schnell wie hier bin ich auch noch nie über ein traumatisches Erlebnis weggekommen. Schon auf dem Weg zur Unterkunft erfahren wir nämlich, dass im Ort gerade das jährliche Drachenboot-Rennen stattfindet. Wie sich herausstellen wird, eine Art Street Parade auf dem Mekong. Zum Glück haben wir den Pailletten-Bikini dabei........