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Vergib mir Vater, denn ich bin deine Tochter

Nach bald einem Jahr in Thailand entschliesst sich der erste meiner Familie zu einem Besuch: Vater Lanz kommt nach Bangkok. Eine Vorschau – und eine Pauschalentschuldigung.

Wenn ich an Ferien mit meiner Familie zurückdenke, dann sind es Stichworte wie diese, die mir in den Sinn kommen:

Packlisten: Familie Lanz hat die Was-muss-ich-mitnehmen-Liste sozusagen erfunden. Und auch bewiesen, dass sie überhaupt nichts bringt, wenn da Dinge wie Feldstecher, Sackmesser und Essen draufstehen, nicht aber Zahnbürste, Pass und Nachthemd.

Fremdsprachen: Wir sind multilingual, wenn es nötig ist. Zum Beispiel sprechen wir Russisch, wenn der Rosenverkäufer kommt. Oder Italienisch, wenn die Deutschen kommen. Oder auch Arabisch, wenn in Spanien der Streit um den Parkplatz eskaliert.

Navigationssystem: Gabs früher nicht, brauchten wir auch nicht. «Ich waass genau, wos duregoht» gehört zum Standardrepertoire eines Lanz. «Letscht mol isch die Stross / da Huus / die Stadt / da Meer no nid do gsi» ebenfalls.

Essen: Eigentlich dreht sich sowieso alles immer nur um Nahrungsbeschaffung. Beim Zmorge wird der Zmittag geplant, beim Zmittag der Znacht und am nächsten Morgen wird resümiert und natürlich justiert.

Es sind schöne Erinnerungen an die Italien-Ferien in den 90ern. Jetzt gibts ein Revival, in Intensiv-Form. Mein Vater kommt nach Thailand und will drei Wochen Ferien machen. Ohne Tochter. Dass er nach langem hin und her nächste Woche doch seinen ersten Stop bei mir in Bangkok macht, grenzt an ein Wunder. Zumal er nach wie vor stolz allen Menschen in der Schweiz erzählt, seine Barbara wohne jetzt eben in Hongkong.

Seine Ferienvorbereitung zieht sich nun schon seit Wochen in die Länge: Tochter Barbara macht Vorschläge für Reiseziele, er schmettert sie ab. Tochter Barbara macht Hotelvorschläge, er schmettert sie ab. Zum Glück hat der Mann noch eine zweite Tochter, die an einem Sonntag Nägel mit Köpfen macht und den Vater für 2,5 Wochen in ein Hotel auf Koh Chang bucht – oder wie er es nennt «Kau Tang», oder auch «King Kong». Aber schliesslich behauptet er auch, fleissig Thai zu lernen und bereits Danke («kau kap») und Hallo («sau kap») sagen zu können. Er weiss auch bereits, wie sein Lieblingsgericht heisst: «Tomtom». Für seine Partnerin hat er natürlich auch eine Check-Packliste erstellt, sie darf unter anderem Nähzeug und Sicherheitsnadeln nicht vergessen. Und so komme ich irgendwie nicht umhin, die Reiseplanung meines Vaters zu vergleichen. Mit einem Jahresabschluss für eine Firma, für die man nie gearbeitet hat.

Buddha, Ganesha, «Hans wa Heiri»

Am Dienstag werden die zwei in einen Flieger steigen (nachdem sie den gemäss Checkliste nötigen Proviant im Handgepäck bei der Sicherheitskontrolle abgeben haben müssen) und am Mittwoch werde ich sie in Bangkok in Empfang nehmen. Vater wird vermutlich Imkerähnlich vor mich treten («waasch, für in Tempel») und seiner Partnerin dürfte er einen Poncho verpassen («waasch, weg de Religion»). Er wird uns erklären, was man bei Hitze zu tun hat, wie man Preise am besten verhandelt und wahrscheinlich weiss er auch, warum in Thailand Linksverkehr herrscht. Sicherlich brauchen wir im Königspalast auch keinen Guide, denn Vater weiss schliesslich ganz genau, wie das so läuft mit den Royals. Buddha wird er vermutlich mit Ganesha verwechseln, um dann zu erklären, dass das doch «Hans wa Heiri» sei.

Wir werden also spätestens nach 4 gemeinsamen Stunden das erste Mal streiten und widerwillig ein Restaurant aufsuchen. Dort bekommt Vater dann endlich sein «Tomtom», welches in Thailand auch als Tom Kha Gai bekannt ist, seiner Partnerin wird er weltmännisch etwas bestellen, was höchstwahrscheinlich dazu führen wird, dass ihr Poncho innert Kürze in Schweiss getränkt ist und dann, endlich, werden wir zufrieden sein. Wir werden bei einem Bier mit Eis über Vaters Weisheiten lachen, um dann unbedingt noch einmal auf das Dessertbuffet in Italien zu sprechen zu kommen.

Er wird sagen, dass die Thais das also noch lernen müssten und dass damals, in den 90ern, halt schon noch alles gut war. Und ich werde mich aufregen und ihm ein theatralisches «wieso verreisisch denn überhaupt no» an den Kopf werfen und er wird mir Bier nachschenken, lächeln und ganz ruhig sagen: «Well ich doch mo wüsse, wa mini Chlii macht i dem Thailand. Wennds du do so lang ushaltsch, denn mos jo öppis bsunders sii. Und waasch, die Thais sind ebe würkli gueti Lüüt, viel netter als die zEuropa...» Und spätestens dann werde ich wieder schmunzeln und sagen: «Da stimmt. Usser zItalie, döt isch ebe scho immer am schönste gsi...» Hab halt doch die gleichen Gene, nur etwas unterscheidet meinen Vater und mich grundlegend. Er ist nicht nachtragend. Hoffentlich.