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Very Bad Things

Die grösste Angst des Reisenden: Was, wenn ich im Ausland krank werde und ärztliche Hilfe benötige? Bloggerin Barbara Lanz weiss nach einem Jahr in Bangkok, dass Medizin das kleinste aller Probleme des Landes ist.

Thailand ist ein Paradies. Wegen vieler Dinge. Das Essen ist so gut, die Strände so schön, die Preise so tief, die Menschen so nett... und: Es ist das Schlaraffenland für Hypochonder und Medi-Freaks. Kein Wehwehchen, dass hier nicht sofort und effektiv behandelt werden könnte. Nun war ich in den 32 Jahren meines bisherigen Lebens weder Hypochonder noch Medi-Freak. Belächelte stets meine Freunde, die bei Muskelkater im Arm den Herzinfarkt vermuteten oder die Kopfschmerzen als klares Indiz für einen Hirntumor deuteten. Nach einem Jahr in Bangkok scheint sich meine Entspanntheit gegenüber Krankheiten allerdings grundlegend geändert zu haben. Habe mich nämlich letzthin dabei ertappt, wie ich mich intensiv mit einem Kratzen im Hals beschäftigte: Sind das erste Anzeichen einer Grippe? Angina? Oder vielleicht doch Dengue-Fieber?

Das Thermometer zeigt 37.1, Fieber! Spätestens als das Ibuprofen 400mg nicht wirken will und auch nicht die Zältli gegen Halsweh, bin ich schon fast auf dem Weg zum Arzt. Schliesslich hängte man mich das letzte Mal, als ich mit Fieber und Schmerzen ins Spital ging, an einen Tropf und sagte mir den schon fast sicheren Tod voraus. Bevor ich jetzt mit meinem aktuellen Problem den nächsten Arzt aufsuche, könnte ich noch kurz Krankheiten googeln. Aber nein, selbst das mache ich mittlerweile nicht mehr. Denn, ganz egal, welche Symptome ich den Ärzten hier schildere, Antibiotika richtens, immer. Ich glaube, ich habe einmal Antibiotika gegen Kopfschmerzen genommen («you take seven days, you kill all bad things in head»). Und auch nach der Dentalhygiene nahm ich 3 Tage Antibiotika («to make sure no bad things are in mouth»). Und als ich mal etwas zur Entspannung für eine lange Busreise suchte, nahm ich halt am Ende auch Antibiotika («to kill bad things from other people»).

Ich bin des Wahnsinns
Wer hier lebt, der weiss, wovon ich spreche. Wer schon öfters hier war und noch nie Antibiotika verschrieben bekommen hat, der soll sich bei mir melden. Und wer diese Medi-Manie aus sicherer Entfernung liest, dürfte sich nun fragen, ob ich eigentlich komplett des Wahnsinns bin. Genau das fragte ich mich auch – und blickte mal etwas genauer auf meinen Gesundheitszustand 2012 zurück. Ich war – bis auf den kurzen Aufenthalt im Spital – nicht ein Mal krank. Nie. Ich hatte keine (schlimmen) Unfälle, keine Magenprobleme, kein gar nichts. Und habe dabei mindestens einmal monatlich irgendwelche Medikamente gegen irgendetwas genommen - «bad things» halt. Fazit: Ich bin des Wahnsinns, sozusagen ein Anonymer Antibiotiker. Da der Hals aber weiterhin schmerzt und die Gehirnwäsche offenbar tief sitzt, muss ich trotzdem in die Apotheke. Allerdings mit einem gewagten Vorhaben. Ich schildere der Apothekerin meine Symptome und als sie schon die 24er-Packung Antibiotika auf den Tisch legt, sage ich mutig: «Ich möchte keine Antibiotika.» Es wird still. Ich warte auf die übliche Standpauke. Sie kommt nicht. Stattdessen lächelt die Apothekerin, packt die Pillen weg und sagt: «Dann brauchen sie Thai-Kräuter.» Sie gibt mir grosse, grüne Tabletten - «only herb», kleine gelbe Kügelchen - «only herb» und Tee - «only herb».

Das war vor drei Monaten. Seither modert mein Medivorrat daheim vor sich hin. Habe ich Kopfweh, nehme ich ein Kräuterpülverchen, habe ich Halsweh nehme ich die grünen Tabletten, habe ich Rückenweh, klebe ich mir ein Chili-Pflaster auf. Und selbst wenn ich gar nichts habe, gehe ich in die Apotheke. Nicht etwa, weil ich noch immer ein hypochondrisches Dasein pflegte, nein. Ich gehe zum Tee mit der Apothekerin. Der kühlt nämlich so schön - und er vertreibt «bad things» aus dem Körper. Und von denen gibts hier ja ganz offensichtlich unendlich viele...