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Vielfliegerei

Für die Adventszeit reist Lanz in die Heimat. Die Freude auf Glühwein, Kitsch und Co. ist gross, aber der Weg zum Ziel ist für einmal steiniger als sonst. Swiss sei Dank.

Eigentlich bin ich ja Swiss-Fan. Die Direktflüge Zürich-Bangkok-Zürich gehen zu perfekten Zeiten, es gibt immer nette Getränke aus Fläschchen (der Gin Tonic auf der Swiss hat unter Reisenden übrigens einen äusserst guten Ruf) und Verspätungen oder sonstige Nervereien gibt es in der Regel nicht. Das «eigentlich» muss ich jetzt, nach meinem letzten Flug, aber leider anfügen. Denn die Reise war so gar nicht so, wie sie hätte sein müssen.

1. Abflug
Dass das mit der Pünktlichkeit und der Swiss eben auch Nachteile haben kann, merke ich nach dem Boarding. Der Airbus ist bis auf den letzten Platz besetzt, alle sind angeschnallt und der Pilot begrüsst. Alles wie immer, jetzt gehts dann los, denke ich mir. Bis der Pilot sagt: «Wir wären bereit, aber der Start verzögert sich um zirka eine Stunde.» Der Grund: Fliegen wir pünktlich los, sind wir zu früh ihn Zürich und dürfen nicht landen. Super. Nun weiss jeder, der ab und zu mal fliegt, dass eine Startverzögerung so ziemlich die mühsamste aller Verzögerungen ist. Denn: man sitzt schon im Flieger, darf aber nichts machen. Nicht aufstehen. Nichts trinken. Natürlich nicht rauchen (was man immerhin noch dürfte, wenn die Verspätung schon vor dem Boarding bekannt ist). Und die Unterhaltung an Board läuft auch nicht. An sich wäre das alles noch knapp aushaltbar, wenn da nicht der Sitznachbar wäre...

2. Sitznachbar
Für jeden Flug versuche ich, den strategisch besten Reisezeitpunkt zu wählen und meine Verbindungen als Ex-Reisebüro-Frau zu nutzen. Normalerweise können mir meine alten Gspänli immer nette Sitzplätze reservieren (4er-Reihe für mich alleine), oder ich mache den Gate-Trick: Vor dem Abflug zum Personal gehen, gaaaanz lieb fragen, ob der Flieger voll sei und wenn es heisst «nein», den netten Mann am Schalter davon überzeugen, dass eine 4er-Reihe für eine Alleinreisende genau das Richtige ist. Dieses mal haben mir meine Kollegen aber schon vor Abflug jegliche Hoffnung genommen: «Barbara, es ist Vorweihnachtszeit, der Flieger ist überbucht.» Tja, mit meinem Fensterplatz in der 2er-Reihe wäre ich an sich ganz glücklich, wäre da nicht mein Nachbar. Der klassische Sextourist. Bereits vor dem Start schläft er ein, sein Kopf fällt auf meine Schulter und sein Atem schlägt mir ins Gesicht. Mein Weckversuch scheint ihn dann derart zu irritieren, dass er mir fortan vernichtende Blicke zuwirft, sich manisch hin und her bewegt und sich auch gerne intensiv am Geschlechtsteil kratzt. Es wird nach dem Start nicht besser...

3. Passagiere
Es kommt selten gut an, wenn man sich über Kinder an Board beschwert, aber was will man machen? Sie nerven wirklich. Auf meinem Flug habe ich das Pech, von kleinen Menschen umzingelt zu sein. Vor mir sitzt ein zirka 4-jähriger Bub, in der Reihe nebenan sitzen zwei Mädchen, in unmittelbarer Nähe schreien mindestens drei Babys. Sie können nichts dafür, ich weiss, aber es macht mich trotzdem rasend. Vor allem, wenn der Kleine vor mir direkt nach dem Start den Sitz zum Anschlag nach hinten verstellt. Er braucht den Platz nicht, ich schon. Zumal ich so nur noch in einer Yoga-Pose auf meinen Screen sehe (liebe Swiss, er müsste besser verstellbar sein). Richtig problematisch wird es, als ich den Vater frage, ob der Junge den Sitz vielleicht wenigstens während des Essens ein wenig nach vorne stellen könnte. Der Blick des Mannes sagt so etwas wie «Du Kinderhasser, wag es nicht, meinen Sohn zu verletzen», er selbst sagt gar nichts. Ich hätte es als Zeichen deuten sollen und auf mein Nachtessen verzichten...

4. Essen
Es gibt Menschen, die beklagen sich grundsätzlich über Flugzeugessen. Ich nicht. Ich mag die kleinen Plastikschälchen mit dem Plastikinhalt und freue mich immer wieder über die Erkenntnis, dass ein Chicken Curry genau gleich schmecken kann wie Beef Stroganoff oder Nudeln eigentlich genau die gleiche Konsistenz haben können wir Kartoffelstock. Auf diesem Flug gibts nichts dergleichen. Nicht mal eine Wahl gibt es. «Darf ich Ihnen den Tofu offerieren?», sagt die Flugbegleiterin und stellt das Tablett auf den Tisch. Ich bin weder Vegi noch mag ich Tofu. Es gibt schlicht keinen Grund, diesen Fleischersatz zu mögen, weil ich ja eben keinen Ersatz brauche. Trotzdem quäle ich mich durch das Curry, finde es wirklich schwierig, aber esse es. Schliesslich weiss ich, dass das Catering für den Bangkok-Zürich-Flug eigentlich ganz ok ist und dass die armen Flight Attendants auch nichts dafür können, wenn irgendwer die Menüs falsch berechnet hat. Aber eben, ich hätte es nicht tun sollen...

5. Kotztüte
Ich fliege wirklich nicht sehr gerne, Nachtflüge kommen mir deshalb gelegen. Nach dem grässlichen Essen mache ich, was ich immer mache: Schlaftablette einwerfen und mich darüber freuen, dass ich erst kurz vor der Landung wieder aufwachen werde. Dass es ganz ganz mühsam ist, wenn man unter Einfluss von Schlafmitteln zur Toilette muss, weiss ich aber jetzt. Es ist der Tofu, ich bin sicher. Er zwingt mich, ein WC des Fluges mehr oder weniger zu blockieren. Kotzen ist an sich schon eine Qual, in einem kleinen Kabinchen und im Halbschlaf wird es aber erst richtig anstrengend. Auch wenn meine Erinnerung daran vage ist, mindestens drei mal beuge ich mich über die elende Schüssel, bevor mein Elend vorbei ist. Der Rest zieht irgendwie an mir vorbei. Selbst meinen blöden Sitznachbarn, der mir augenverdrehend zu verstehen gibt, dass ich ihm den Schlaf raube, kann ich ignorieren.

Fazit
Während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich plötzlich, was denn jetzt genau so schlimm war an diesem Flug. Schliesslich haben wir das alle schon einmal erlebt, die schreienden Kinder, den affigen Sitznachbarn, Verspätungen, mieses Essen. Ja, bei Easy Jet gehört das zum Programm (ok, das Essen nicht) und bei Swiss eben irgendwie auch. Es ist halt einfach ein wenig wie bei einer Party: Die Zusammenstellung der Gäste machts. Oder bei Verkehr im Allgemeinen: Manchmal hat man grüne Welle, manchmal nicht. Und dann ist es eben auch einfach wie mit einer Beziehung: am Ende erinnert man sich meist nur an das Schlechte. Und da ich nur letzteren Punkt selber beinflussen kann, tue ich das hiermit und erinnere mich an das Beste vom Flug LX 181: Ich bin mit 10!!! Kilo Übergepäck gereist und habe beim Check-in dafür lediglich gefühlte 100 mal «oooooh, so sorryyyyy» sagen müssen. Mein Gepäck ist angekommen. Und: Ich bin angekommen!