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Zürich zum Schöntrinken

Mein bester Freund aus Fernost reist an. Lanz macht den Touri-Guide und fragt sich: Was zeigt man einem in Asien wohnhaften Engländer, der zum ersten Mal nach Zürich kommt und Sightseeing verabscheut?

Beste Freunde gibts nicht viele, schon gar nicht neue beste Freunde. Wer aber alleine ins Ausland geht, der verbindet sich scheinbar leichter mit fremden Menschen. Ich zumindest. Mein bester Freund in Asien ist Engländer, lebt in Malaysia und reist seit über einem Jahr immer mal wieder mit mir irgendwo hin. Unsere Gespräche konzentrieren sich meist auf unser Leben von früher: Wie ists in England, wie ists in der Schweiz, was finden wir gut, was finden wir doof etc. Jetzt treffen Fiktion und Realität erstmals aufeinander. Der Engländer – ich nenne ihn immer so – kommt für ein paar Tage auf Schweiz-Besuch und will ausdrücklich kein Sightseeing (sein Motto auf Reisen: «I’d rather be drinking and dancing than standing and staring») . Die Schwierigkeit darin liegt weniger an der Tatsache, dass der Brite nicht auf den Pilatus will. Das Problem ist, dass ich in meinen Erzählungen von der Heimat stets gerne übertreibe. Kurz: Er geht eigentlich davon aus, dass Zürich mindestens so viel zu bieten hat wie New York. Ich stehe also unter Druck und mache das, was ich in solchen Situationen immer mache: einen Plan.

Sonntag: Glühwein trinken mit Freunden an verschiedenen Weihnachtsmärkten in Zürich.

Fiktion: Er ist dank Jetlag innert kürzester Zeit betrunken, freut sich über den Schnee und findet alles super.
Realität: «Wow! You people are rude!», haut er mir schon am Flughafen um die Ohren. Es habe ein riesen Gedränge gegeben bei der Passkontrolle, bei der Gepäckausgabe sei er fast nicht zu seinem Rucksack gekommen und die Frau an der Duty-Free-Kasse habe kein Wort gesagt. Ja, ich habe wohl vergessen zu erwähnen, dass in Zürich die Freundlichkeit nicht überall an erster Stelle steht. Und dass gerade Anstehen definitiv keine Schweizer Tugend ist. Am Weihnachtsmarkt findet er es aber tatsächlich super – sein Fazit zu Sihlcity: «Wow, it’s like being in the mountains» -, bis auf den Glühwein, den er mit einem «this stinks» abkanzelt. Nach dem dritten hört er auf sich zu beklagen.

Montag: Ich plane für ihn ein Individualreisli in meine Heimat Schaffhausen (dann sieht er wenigstens aus dem Zug noch den Rheinfall) inklusive Besuch bei der Familie. Der Grund: Ich muss arbeiten und ich habe Konzerttickets in Schaffhausen, die abgeholt werden müssen.

Fiktion: Er kann seine Traveler-Erfahrung nutzen und sich beweisen, wie unabhängig er ist. In Schaffhausen werden meine Neffen und Co. für die nötige Unterhaltung sorgen, es wird Getränke geben und er wird wieder alles super finden.
Realität: Der Plan funktioniert. Bis auf ein Problem, das ich nicht einkalkuliert hatte. Die britische Höflichkeit. Der Engländer verpasst den Ausstieg aus dem Tram, weil er nett hinten ansteht. Er wartet am Billetschalter der SBB geschlagene 1.5 Stunden, weil er nett hinten ansteht. Am Konzert bekommt er dann auch kein Bier an der Bar, weil er nett hinten ansteht. Zudem habe ich vergessen, ihn noch einmal ausdrücklich auf den Rechtsverkehr in der Schweiz hinzuweisen, weshalb er für ein kurzzeitiges Verkehrschaos in Zürich Wiedikon sorgt. Sein Kommentar zum Tag: «There’s something wrong with the train announcements, but I like your beer.»

Dienstag: Besuch aller Orte und Dinge in Zürich, die in Verbindung zu mir stehen: meine ehemaligen Wohnorte, meine Läden, meine Bars. Bratwurst essen. Trinken.

Fiktion:
Der Tag geht irgendwie um, ich kann ein paar übertriebene Geschichten erzählen und er wird alles super finden.
Realität: Der arme Mann ist krank und zu nichts fähig.

Mittwoch: Mir gehen die Ideen aus. Ich setze auf einen Kater vom Vorabend.

Fiktion: Er wird lange schlafen und dann Zeit benötigen, seine Weiterreise nach Österreich zu organisieren. Am Abend gehen wir zu Amélie essen und er wird alles super finden.
Realität: Er ist um 8 Uhr wach, geht alleine auf Tour durch Zürich, sorgt für weitere Verkehrsprobleme und kommt am Nachmittag total fasziniert zurück. Er habe ein Minarett gesehen (er meint das Grossmünster), alle Bankomaten seien defekt (???) und dann sei ihm aufgefallen, dass wir in dieser Stadt eigentlich gar keine Trams bräuchten, da ja alles so leicht zu Fuss erreichbar sei (nun ja...). Ich erfahre in der Zwischenzeit, dass Amélie ein Magenproblem hat und unser Essen gestrichen ist. Also nehme ich ihn für seinen letzten Abend mit an die Langstrasse, natürlich nicht ohne ihm alles über diese sündige Meile zu erzählen und ihn zu später Stunde ins Gonzo zu schleppen. Sein Kommentar: «Wow, you still have youth clubs, but I like the Gin and Tonic.»

Als der Engländer am Donnerstag in den Zug nach Wien steigt, zieht er ein simples Fazit: «I liked it» - und singt ein Weihnachtslied: «The weather outside is frightful...but the drinking is so delightful.» Ich füge dann für mich selber noch folgendes an:

1.    Ich bin froh, arbeite ich nicht mehr auf dem Reisebüro.
2.    Planen ist überbewertet.
3.    Sightseeing ist unterbewertet.
4.    Englische Pubs in Zürich sind authentisch.
5.    Englische Ansagen in Schweizer Zügen sind nicht authentisch.
6.    Zürich ist sehr ähnlich wie Bangkok: wer neu ist, geht verloren.
7.    Engländer sind wirklich so, wie man sie klischiert. Zumindest, wenn sie in Europa sind.
8.    Kranke Männer sind wirklich so, wie man sie klischiert. Weltweit.
9.    Ein cooler In-Club in Zürich ist offenbar nicht grundsätzlich cool oder in.
10.  Gin Tonic funktioniert immer.