Ein Buch für alle Sinne

Ein Buch für Bibliophile - wers noch nicht ist, wirds nach der Lektüre von "Aber Simens, Schnee im August?" sein...

Ist es vermessen, blauäugig oder einfach nur kurzsichtig? Vielleicht. Aber auch wenn erst April ist - ich küre "Aber Simens, Schnee im August?" trotzdem bereits jetzt zu einem meiner schönsten Bücher des 2010.

Denn voller gehts nun wirklich nicht mehr zwischen zwei Buchdeckeln: Liebevoll gestaltet, fantasievoll geschrieben, sinnvoll aufgebaut, lustvoll bebildert, reizvoll wuchernd spielt der Roman im schillernden, aufstrebenden New York des ausgehenden 19. Jahrhundert.

Zur Einstimmung: ein flüchtiger Blick ins vier Seiten umfassende Register:

A wie Adam. Eva und Patriarchen                                                            8 f

E wie Eier, Zubereitung                                                                           88f

H wie Houdini, Harry, Entfesslungskünstler                                            168

I wie Intelligenz                                                                                       161

J wie Jazz                                                                                                258

K wie Katzen, amerikanische                                                                  151

M wie Mairengo/Tessin Heinat der Familie Delmonico                           66 ff

P wie Phrenologie (Schädelkunde)                                                         162

S wie Snob                                                                                              120

W wie Wahrheit/Wahrheiten diverse                                                         24

Z wie Zufall                                                                                                95

Der Schweizer Journalist und Autor René Simmen (*1927) würze dieses wirre Potpourri mit alten Stadtplänen von New York, Zeichnungen von Patisserien, Zeitungsausschnitten, Menukarten, Werbeinseraten und Karikaturen. Sie laufen als Randspalte der Geschichte entlang. Ein echtes Zauberwerk.

Genug der Schwärmerei. Hier die harten Fakten: Das Buch basiert auf der wahren Geschichte der Tessiner Familie Delmonico, die anfangs des 19. Jahrhunderts nach New York ausgewandert ist und bald nach ihrer Ankunft die exklusivsten Restaurants entlang des Broadways führte. Im Zentrum des biografischen Romans stehen die Schweizer Auswanderer Henry Simens und Thomas Caflisch. Auf diesem Fundament entsteht das saftige Schelmenstück.

Ein Buch für Bibliophile: Nimmt man es in die Hand, fällt das ungewöhnliche Format auf. Nicht ganz A4, etwas schmaler. Dann das aussergewöhnlich Register, eine alte N.Y.C. Karte. Dann empfielt es sich, erst mal zu blättern. Die Augen schweifen zu lassen, sich zu verlieren in den vielen Details. Ja, es mag komisch sein, erst mal die zahlreichen bebilderten "Fussnoten" zu lesen. Aber das Gute daran ist: die Amuse bouches auf der Randspalte machen Lust auf mehr.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um sich der Geschichte der Tessiner Familie Delmonico zu widmen. Ein Buch für lange dunkle Winterabende. Fast schade, dass der Frühling daussen wartet. Aber es liest sich auch wunderbar unter einem blühenden Apfelbaum...

Anina Rether

Hier gehts zur Bestellung von René Simens: "Aber Simmens, Schnee im August?", Ein biografischer Roman, Salis Verlag