Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Wahrheit oder Lüge?

Sandra C. findet Lügen nicht so tragisch. Wann immer sie das offenbart, sind die Leute geschockt. Aber um für einmal ehrlich zu sein: Die Familienbloggerin kommt immer wieder in Situationen, in denen sie es vorzieht, ihre Kinder anzulügen. Weil sie findet, dass es besser ist für diese.
Familienblog Schweiz Sandra C. über Wahrheit und Lüge
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Manchmal ist es besser, seine Kinder anzulügen, findet Bloggerin Sandra C.

Ich hatte kürzlich das Vergnügen, mit ein paar Leuten auf einem Bauernhof ein neugeborenes Lämmchen zu bestaunen. Das herzige Kleine torkelte auf seinen dürren Beinchen, fiel um und streckte alle viere von sich. Auch einige Zeit später hatte es die Augen noch geschlossen und atmete schwer. Die Mutter versuchte verzweifelt, es zum Aufstehen zu bewegen. Erfolglos. Irgendwann kam der Bauer, schob das Lamm an den Rand, und meinte: «Das wird nicht mehr. Wir lassen es sterben.» Ich war geschockt, aufgewühlt, traurig. «Er war doch bloss ehrlich», meinte einer meiner Begleiter. «Wenn deine Kinder das gesehen hätten», fragte ich, «hättest du ihnen das auch so gesagt?» «Ja klar», meinte er. «So ist das Leben.»

Stimmt. So ist das Leben. Trotzdem - und nach reiflicher Überlegung: In diesem Fall hätte ich meine Kinder angelogen. Ich hätte ihnen gesagt, das Schäfchen sei bloss müde von der Geburt und müsse sich erholen. Im Laufe des Tages, wenn wir weg sind, würde es aufstehen. In ein paar Tagen tollt es mit den anderen Lämmern herum. Alles wird gut. Warum? Weil die Wahrheit meine Kinder unnötigerweise traurig gemacht hätte. Was hätte es ihnen gebracht, wenn sie gewusst hätten, dass das Lamm den Tag nicht überleben würde? Gar nichts! Im Gegenteil: Sie hätten sich Gedanken gemacht, wären genauso traurig und aufgewühlt gewesen wie ich. Und das hätte ich ihnen nicht antun wollen. Auch wenn das Leben halt so ist.

Ganz ehrlich: Ich finde, Ehrlichkeit wird überbewertet. Und nochmal ganz ehrlich: Wenn mich die Wahrheit zu sehr verletzt, und die Lüge keine weitreichenden Konsequenzen für mich hat, bevorzuge ich es, angelogen zu werden. Ich meine: Was nützt es mir zu wissen, dass dieses Lämmchen dem Tod geweiht ist? Nichts, nothing, niente, nada! Ausser dass ich das torkelnde Tierchen nicht mehr aus meinem Kopf kriege und ich traurig werde, wenn ich an es denke. Hätte man mir gesagt, es sei bloss ein bisschen müde, wäre ich frohgemut von dannen gezogen und hätte vermutlich nie wieder einen Gedanken an das Tierchen verschwendet. Dass der Tod zum Leben gehört, weiss ich auch so.

Ich finde im Übrigen auch, man muss nicht immer allen alles sagen. Das hat mit Anstand und Rücksicht zu tun. Mein Sohn ist zum Beispiel eines dieser furchtbar ehrlichen Kinder, das immer sagt, was es denkt. «Du verziehst das Gesicht so komisch, wenn du lachst!» Ich hasse es, wenn er das macht. Mag ja sein - aber behalt das für dich. Mir ist klar, dass du mich als deine Mutter per se komisch findest. Ich muss nicht täglich damit konfrontiert werden. Es ärgert mich. Du darfst deine Meinung haben, du darfst sie sogar hintenrum über mich äussern, wenn du das Bedürfnis hast - solange ich es nicht mitkriege, beeinflusst es meinen Alltag, meine Laune und mein Wohlbefinden nämlich in keiner Art und Weise. Ich sag dir nämlich auch nicht ins Gesicht, dass ich dich manchmal das furchtbarste Kind auf Erden finde. (Und da muss mir jetzt kein Moralapostel weismachen wollen, dass es ihm oder ihr mit den eigenen Kindern nie so geht.)

Es ist ein schmaler Grat, der zwischen Wahrheit und Lüge. Wir lügen unsere Kinder doch ständig an - man denke nur an Osterhase und Co. - erwarten von ihnen aber, dass sie uns immer die Wahrheit sagen. Was nützt es mir zu wissen, dass meine Tochter Zucker-Eier aus dem Lehrerzimmer geklaut und mein Sohn heimlich Schoggi aus dem Kühlschrank genommen hat? Ist doch nicht so wichtig.

Das mit der Wahrheit ist immer eine Frage des Ermessens. Manchmal ist Lügen besser, davon bin ich überzeugt. Aber manchmal ist auch Ehrlichkeit gefragt. Und Diplomatie. «Glaubst du, ich könnte Model werden?» fragte mich meine Tochter neulich. Oops, was sag ich jetzt? Ganz ehrlich (hab ich das genug oft geschrieben in diesem Blog)? Nein, glaube ich nicht. «Willst du wissen, ob ich dich für den Job als Model für geeignet halte, oder ob ich dich hübsch genug dafür finde?», frage ich zurück. «Das kommt aufs Gleiche heraus, oder?» - «Nein, tut es nicht. Du bist wunderschön. Deine Augen, dein Lachen, deine Sommersprossen. Aber als Model musst du erstens extrem diszipliniert sein, darfst kaum Süsses und Fettiges essen. Und zweitens sitzt du stundenlang herum und wartest irgendwo, nur um dir nachher sagen zu lassen, dass du leider zu viele Sommersprossen hast für den Job. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das auch nur ansatzweise lässig finden würdest.» Nein, tut sie nicht. Die Model-Träume sind ohne gröbere Blessuren begraben.

Wahrheit oder Lüge? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Es lohnt sich immer, nachzudenken, bevor man lügt. Aber auch, bevor man die Wahrheit sagt.

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