Gedanken über dick und dünn und über den preisgekrönten Film "Precious"

Schön ist eine Sache der Interpretation. Auch einige Kilo mehr können gefallen.

Als ich die Accademia di Brera in Mailand besuchte, liebte ich beim Aktzeichen üppige Modelle. Frauen, die noch Fleisch am Knochen hatten. In dieser Zeit entdeckte ich auch Marino Marini, jenen italienischen Maler und Bildhauer, der eine ganze Reihe von Bronzefrauen schuf, mit kleinen Brüsten und ausladenden Hüften. Pomonas nannte er sie. Ich eiferte ihm nach.

Dann entflammte ich für die Odalisken von Henri Matisse, jenen leichtbekleideten Frauen, die in einem orientalischen Dekor lässig auf einem Sofa oder Diwan liegen. In den schönsten Farben, die das mediterrane Nizza hergeben mag. Verführerisch, unvermittelt. Und keine Kalorienzählerinnen. "Meine" Odalisken tragen heute noch schöne Rundungen, auch wenn das gängige Frauenbild eher den Dürren und Hageren entspricht.

Vor Jahren auf den Bahamas nahm ich an einem Bootsausflug teil. Eine füllige farbige Frau bediente uns. Ich beachtete sie kaum. Doch als die Steelband zu spielen und die Frau zu tanzen begann, war ich hin und weg: Diese Anmut der Bewegungen, diese Glückseligkeit auf ihrem Gesicht. Sie war schön und bewundernswert. Alle Augen hingen an ihr.

Das zweite Mal, als eine unscheinbare Person mich überraschte, war ich in einem kleinen Dorf in Südspanien, an der Costa de la Luz. Durch puren Zufall stiessen wir auf einen Tablao, einen Tanzsaal. Die Dorfjugend war versammelt und tanzte mit grosser Lust Sevillanas (Volkstanz). Ich sah einen pummeligen Teenager in Jeans und engem Pulli, der die Fettpölsterchen noch besser abzeichnete. Und dann tanzte sie. Von der krummen Haltung war nichts mehr da. Mit erhobenem Haupt und angespanntem Körper wirbelte sie herum. Stolz und selbstbewusst. Eine junge Frau, der man gerne nachschaute.

Warum erzähle ich all das? Weil ich beim Oscar prämierten Film „Precious“ wieder in Versuchung kam, in die gleiche Falle zu tappen. Precious (Gabourey Sidibe) ist dick. Sehr dick sogar. Na und? Ihre Leinwandpräsenz ist so stark, das Elend welches sie umgibt so unfassbar und die Hoffnung, die sie ausstrahlt so ergreifend, dass ich ihre Fettleibigkeit völlig ausblendete. Und mich ärgert es masslos, dass bei dieser jungen Frau nicht die Leistung gewürdigt, sondern dass sie auf ihre Körperlichkeit reduziert wird. Und sie zu Diäten verdonnern will. Gabourey Sidibe, und all die anderen Frauen (und Männer) werden schon selber wissen, was sie zu tun haben...

Kati Moser